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01.10.2015

Kloster, Kirchen und Kapellen

Als ich frisch aus Nepal zurück war, hatte ich nur ein Ziel. Möglichst schnell wieder auf einen, am besten hohen, Berg zu kommen und tagelang zu wandern, ohne dabei ein Auto zu sehen. Armenien schien sich anzubieten. Nicht immer ist alles so, wie es auf den ersten Blick aussieht. Die Wanderwege in Armenien sind ja nicht unbedingt Wanderwege. Einige gibt es eigentlich gar nicht und andere sind eher Landstraßen. Dazwischen sind aber auch wundervolle Hirtenpfade, die fernab von Autos und Internet auf die Berge führen. 

Und neben den Bergen, die mal hoch und steil, mal grün und hügelig sind, stehen immer wieder Kirchen und Kapellen, die zu den vielen (inzwischen verlassenen) Klöstern des Landes gehören. Armenien ist als erstes Land der Welt christlich geworden. Damals im Jahr 301 hat der armenische König kurzerhand bestimmt, dass sein Land von nun an christlich sein soll. Hat gut geklappt, denn heute, knapp 1700 Jahre später, wimmelt es im Land von christlichen Kirchen, Klöstern und Kapellen. Die meisten sind wohl schon etwas älter und werden zum Teil anderweitig genutzt, aber insgesamt prägt ein sehr christliches Bild das Land.

Eines der bekanntesten Kloster liegt in Geghard, gar nicht weit von Yerevan entfernt. Heute wird die Kirche von Unmengen Touristen besucht - klar, so dicht an der Stadt und ab und zu darf wohl auch mal jemand hier heiraten oder sein Kind taufen lassen. So richtig habe ich das Prinzip aber nicht verstanden. Als ich die Klosteranlage in Noravank besucht habe, kam da gerade so eine Taufgesellschaft, um ihr Baby taufen zu lassen. Völlig unbeeindruckt haben andere Touristen und Besucher sich weiter die Kirche angeguckt. Einfach anders, als ich es gewohnt bin.

Die Klöster von Haghpat und Sanahin sind weniger bereist. Sie liegen etwas dezentralisiert, fernab von der großen, quirligen Hauptstadt. Ich bin mit einer Reisegruppe dorthin gefahren. Auch mal eine Erfahrung. Morgens in einem kleinen Bus los, durch das halbe Land. Immer wieder wird der Unterschied zwischen den reichen Städtern und der eher armen Landbevölkerung deutlich. Ja ok, die Menschen leben schon in Häusern. Aber viele Autos habe ich nicht vor den einfachen Häusern parken sehen, dafür Eselkarren und getrockneten Mist, der als Brennstoff dient. Die Umgebung wird auf dem Weg nach Haghpat immer "sowjetischer". Es ist wie schon vorher häufiger. Irgendetwas löst in mir das Gefühl von Sowjetzeit/DDR aus. Merkwürdig... Dazu kommt eine trollske Stimmung mit Nebel und Nieselregen. Es passt gut zusammen. Das Kloster von Haghpat steht auf der Weltkulturerbeliste der UNESCO. Es ist schon lange nicht mehr als Kloster in Betrieb, aber ab und an verirrt sich doch ein Tourist hierher. Der Ort an sich ist auch sehr speziell. Vielleicht hätte ich den eher auf die Welterbeliste gesetzt? Es gibt ein Oberdorf und ein Unterdorf. Eigentlich genau wie in Helgoland mit dem Oberland und dem Unterland. Nur hier gibt es keinen Fahrstuhl, der die beiden Ortsteile verbindet, sondern eine Seilbahn. Ursprünglich wurde die gebaut, um die arbeitenden Männer aus dem oberen - dem Wohnstadtteil - in den unteren - den Arbeitsstadtteil - zu befördern. Heute leben auch "unten" Menschen. Unten ist tief in einer Schlucht. Ob die Menschen hier jemals den Himmel sehen weiß ich nicht. Dichter Dunst, vermutlich nicht nur Nebel, sondern auch andere Schwebstoffe, verschleiern die Luft. So für einen halben Tag faszinierend, aber für länger?

Aber das Kloster, ja. Also nicht mehr als Kloster in Gebrauch. Mäßig gut erhalten.Hier und da hat sich die Natur zurückgeholt, was ihr vor vielen hundert Jahren mal genommen wurde. Es wachsen also Kletterpflanzen durch das Dach. Ich mag das ja leiden, auch wenn es nicht so gut für die Bausubstanz ist. Insgesamt ein recht großer und gepflegter Komplex, der in einen ganz normalen armenischen Friedhof übergeht. Auch wenn das Kloster nicht mehr als Kloster genutzt wird, wird die Kirche doch von der heimischen Bevölkerung genutzt. Gottesdienste sind hier ganz anders, man scheint kommen und gehen zu können, wie es einem passt und Interaktion zwischen Pastor und Gemeinde gibt es nicht. Aber Kinder werden in der Kirche getauft, Paare werden getraut und Tote beerdigt. Ich schlendere über den Friedhof und genieße, dass es anders ist, als die nordeuropäischen Friedhöfe. Die Grabsteine zeigen in der Regel das Bild des Verstorbenen. Gerne in einer Alltagssituation. Nicht immer steht Geburts- und Sterbedatum dabei. Und damit die Toten nicht weglaufen oder die bösen Geister auf dem Friedhof bleiben und nicht ins Dorf können (oder ganz simpel, damit die Schafe und Ziegen nicht auf dem Friedhof herumtrampeln) sind um viele der Gräber Zäune. Einige Familien konnten sich keinen adäquaten Zaun leisten und haben deswegen die Bettpfosten der Oma um ihr Grab gestellt. Ein bizarrer Anblick...


Auch das Kloster in Sanahin liegt auf einem Berg und wird nun mehr als Gemeindekirche benutzt. Besonders fasziniert hat mich der ehemalige Vorratsraum. Dort sind eine Art alte Kühlschränke eingebaut. Also Löcher im Boden, wo die Mönche ihr Essen aufbewahren konnten. Dort zu stehen ist so unwirklich. Im Nebenraum sind Priester und Mönche beerdigt. In früheren Zeiten wurden die Klosterangehörigen in der Kirche beerdigt. Da es damals üblich war, sich die Schuhe vor dem Betreten des Klosters auszuziehen, konnten sich die Mönche und Priester sicher sein, dass damals niemand mit Schuhen auf ihren Gräbern herumläuft. 

Jedes armenische Kloster hat seine großartigen Besonderheiten und alle haben etwas ähnliches. In allen stehen Kreuzsteine, die an große heilige Menschen, Taten und Orte erinnern. Und in allen Klöstern und Kirchen ist der Altarraum erhalten und weiterhin als solcher zu erkennen. Fast überall lag ein Altartuch auf dem Altar. Und das nicht schon seit 1700 Jahren, sondern aller höchstens seit ein paar Tagen. 
In einer Kirche habe ich mit einer Mischung aus Neugier und Erschrecken beobachten dürfen, wie eine Frau dem Priester ein Huhn gab, das er bitte opfern sollte. Eine andere Welt hier.

10.09.2015

In einem schwarzen Lada übers Land

Nach dem mir unverständlichen Ausflug nach Dilijan, weiter nach Tsaghkashen. Während Yerevan doch sehr westlich und modern war, ist in diesem Örtchen die Zeit stehen geblieben. Zumindest teilweise. Da die Winter hier auf über 2000m Höhe doch recht kühl werden können und die Häuser nur suboptimal isoliert sind, brauchen die Leute andere Heizmaterial. Kuhfladen eignen sich ja hervorragend dafür. Also gibt es vor jedem Haus aufgetürmte, getrocknete Kuhfladen. Der Strom, der durch die eine oder andere Wasserkraftanlage gewonnen wird, scheint ausnahmslos für die großen Nachbarn im Norden bestimmt zu sein. Die Gasleitungen laufen hier oberirdisch und machen alle paar Meter mal einen Bogen nach oben. Sieht ein bisschen speziell aus, aber scheint gewollt zu sein.
Bevor wir im Dorf Tsaghkashen ankommen, machen wir, im Nieselregen, einen Stopp auf dem größten Kreuzsteinfriedhof der Welt. Hier gibt es ca 900 Kreuzsteine oder Chatschkare, auf armenisch. Alte und neue, kunstvoll verzierte und weniger filigran geschmückte. Die kleinen wiegenförmigen Steine sollen Kindergräber sein. Ganz schön viele. Mmmh. Chatschkare sind nicht nur Grabstein sondern auch Erinnerungsstein. Sie können daran bzw an denjenigen, erinnern, der hier eine große Spende gespendet hat. Oder an einen militärischen Sieg. Oder daran, dass hier eine Brücke, Straße, Kirche fertiggestellt wurde. Beeindruckend sind diese Chatschkare auf jeden Fall. Es sind zum Teil große (2-3m hohe) oder kleine Steine, die als zentrales Symbol ein Kreuz haben. Der Rest des Steins ist vollkommen mit verschlungenen Mustern bedeckt, die Muster bestehen aus Weintrauben, Ranken, Tieren oder auch abstrakten Knotenmustern. Die neueren Steine haben oft eine Art Krone über dem Kreuz.
Leider hat Samuel nicht viel zu den Steinen zu erzählen und ich muss mir das meiste selber erlesen und zusammensuchen. Bezaubert von den filigranen Mustern der Steine und etwas enttäuscht von mangelnden Wissen meines Guides geht es weiter nach Tsaghkashen.
Wir werden herzlich empfangen und reichlich bewirtet. Pflaumen, Weintrauben und Äpfel aus dem Garten, dazu Unmengen an Keksen und Süßigkeiten. Auch wenn das Haus nicht so ganz unseren Standards entspricht, ist es doch gemütlich. Nur eben ein bisschen anders. Zentraler Raum im Haus ist - wie sollte es auch anders sein - die Küche. Die Einrichtung hat ihren ganz speziellen Charme. Nicht mein Stil, aber ich soll ja auch nicht da wohnen.
Nach der Teepause, ziehen wir los. Ein kleiner Spaziergang zu einer Wasserquelle. Die Landschaft ist plötzlich grün geworden. Seichte, grasbewachsene Hügel, dahinter ein paar höhere Berge. Wir laufen, wieder mal querfeldein, durch die Gegend, vorbei an Sommerhäusern von Kuh- und Schafhirten und immer wieder bergauf und bergab. Es regnet, neeeeiinnn, bitte nicht. Ich mag doch nicht im Regen laufen. Hört zum Glück schnell wieder auf. Um zu gucken, wie es hinter mir aussieht, drehe ich mich kurz um. Jetzt weiß ich, warum es auch mal regnen muss. Sonst hätte ich wohl diesen Regenbogen nie gesehen. Ein richtig schöner Bogen. Sogar ein doppelter Regenbogen und bei genauem Hinsehen hat er noch einen kleinen Nebenregenbogen. Da hat sich das Nass-werden gelohnt. Weiter bergauf. Eher psychisch anstrengend als physisch. Und irgendwann sind wir an der Quelle. Nun ja, da ist ein kleines Loch im Boden und da kommt Wasser raus. Ist ja ganz hübsch und wenn ich hier eh vorbeigekommen wäre, hätte ich auch sicher angehalten. Aber extra hierher zu gehen? Bestimmt kein 2. mal. Ohne lange zu zögern oder dem Augenblick hinterher zu hängen, drehen wir um und gehen zurück. Auf halber Strecke, also nach ca 1,5 Stunden, kommen wir wieder zu den Sommerhäusern. Vor einem der Verschläge spielen ein paar Kinder. Die Eltern kommen heraus und laden uns auf einen Kaffee und Vodka ein. Nicht gerade die Modernste und winddichteste Unterkunft. Aber wahrscheinlich genug für den armenischen Sommer. Oder? Ich weiß nicht. Festgetrampelter Lehmboden, ein paar Steine übereinander, ein bisschen Wellblech. Das ist das Haus. Sofort werden Lavash, Butter und Kekse auf den Tisch gestellt. Dazu Kaffee, Tee und Vodka. Und ich werde aufgefordert zu essen und zu trinken. Das Lavash ist nicht aus dem Supermarkt, das ist selbst gebacken. Genau wie die Butter. Die ist auch nicht gekauft, sondern stammt von den Kühen hier. Sehr, sehr lecker.
Die Hirten leben in den Sommermonaten hier draußen und passen auf, dass keiner ihre Kühe klaut. Leider kommt das immer wieder vor, dass Kühe oder Schafe verschwinden, deswegen muss immer jemand in der Nähe sein. Von Herbst bis ins Frühjahr, leben die Menschen in Dörfern in der Nähe und haben ihre Tiere dort im Stall. Ein ganz anderes Leben als meins. Ich möchte nicht tauschen.

Der nächste Morgen beginnt früh. Ich wollte ja gerne den Sonnenaufgang von unterwegs erleben. Leider kommen wir nicht rechtzeitig los, so dass es schon dämmert, als wir das Haus verlassen. Still schläft das Dorf als wir zwischen den Häusern entlang gehen. Bald geht es bergauf. Ein guter Treckerpfad, kein Matsch, keine Wurzeln, keine Stufen. Angenehm zu gehen. Die Sonne kriecht schnell über den Horizont und lässt den Himmel blau und die Wiese grün leuchten. Schön, so darf es bleiben. Auch hier werden wir von den Hirten sofort eingeladen. Es ist früh am morgen und ich möchte auf gar keinen Fall Vodka. Hilft nicht, ich bekomme welchen eingeschenkt. Seit gestern weiß ich ja, dass es funktioniert nur am Vodka zu nippen und so zu tun, als würde man trinken. Und wieder Lavash, Butter und Kekse. Verhungern werde ich hier wohl nicht. Der Oberhirte will mir noch seine Hunde zeigen. Behutsam zieht er 3 kleine Welpen aus einer Hundehütte. Die Hundemutter ist etwas skeptisch, lässt sich aber durch ein paar Streicheleinheiten schnell beruhigen. Die Hundebabys sind 11 Tage alt. Noch haben sie nicht mal die Augen auf. Tapsig und unbeholfen kriechen sie übereinander, bevor sie zurück in ihr Zuhause gesetzt werden. Ich glaube, die haben es gut hier.

Der Weg führt uns weiter nach oben. Nach 6 Stunden mag ich eigentlich nicht mehr. Jetzt ist es nur noch ein kleines Stück auf dem Bergrücken, bis zum Gipfel. Der Sand ist weich und gibt nach. Ganz plötzlich hat sich die grüne Graslandschaft in eine rot-schwarze Lavawüste verwandelt. Jedes mal wieder bin ich fasziniert von dem, was das Innere der Erde hervorbringt. Vulkane sind etwas unglaublich spannendes. Auf dem Gipfel angekommen, wird mit Tee und Keksen gefeiert. 360° Panoramaaussicht, hier und da ein kleiner See, die unterschiedlichsten Farben der umliegenden Berge und da, mitten im Nichts, auf dem Gipfel des Azhdahak-Berges, 3597m hoch, haben die Menschen eine Kapelle geschaffen. Ein Kreuz, ein paar Kerzen und einige Ikonen stehen windgeschützt in einem Verschlag. Irgendwie eine schöne Idee, hier oben so eine Art "Ort der Einkehr" zu haben. Nach der verdienten Pause geht es den bergab. Ein bisschen Regen, Schnee und Hagel sagen kurz Hallo und dann schnell wieder Tschüss. Abendessen - heute Suppe und Bratkartoffeln, dazu Lavash, Käse, Tomaten, Paprika, Gurke und Sucuk und dann schlummere ich auch schon. 13 Stunden draußen sein, 1500 Höhenmeter und alle nur erdenklichen Wetterlagen, machen müde.

Der Weg führt weiter nach Süden. An strategisch wichtigen Orten, sitzen immer Leute, die Obst, Honig, Nüsse und weitere Kleinigkeiten verkaufen. Gegen Mittag, sagt Samuel, sind wir an einem alten Hotel. Seidenstraßen solche "Karawansereien" oder eben auf neudeutsch, Hotel. Ein langer Raum mit Nischen für Mensch und Tier. Die letzten paar Tausend Jahre, ist es nur noch als Hotel und Fledermaus-schlafzimmer genutzt worden. Zumindest ist diese Unterkunft sehr idyllisch gelegen mit Blick über das Tal und im Hintergrund höhere Berge. Nach einem Picknick, steigen wir ins Auto, weil das nächste Ziel ein paar Stunden entfernt ist. Nach einer entspannten Fahrt sind wir an einem großen und sehr modernen Parkplatz. Neben armenischen, sind viele iranische Autos hier geparkt. Die Grenze zum Iran ist nicht weit und für Iraner ist Armenien ein beliebtes Urlaubsziel. Als wir an dem Hotel sind, bin ich etwas überrascht. Das sogenannte Hotel ist wirklich sehr alt. Es hat den Händlern, die die Seidenstraße gewandert sind. Laut der Infotafel gab es entlang der ganzen
Gleich hinter dem Parkplatz ist die längste Seilbahn der Welt. Über 5km geht die Fahrt über eine Schlucht zum sagenumwobenen Kloster von Tatev. Die Fahrt ist durchaus touristisch mit musikalischer Untermalung und Erklärungen zu dem was unter uns zu sehen ist. Und das gleich in verschiedenen Sprachen. Ein bisschen wie die Touristenfähre nach Geiranger. Am Kloster angekommen, bin ich enttäuscht von Samuels Nicht-Wissen. Ich suche mir meine Information so gut es geht, selber zusammen. Die alte Ölpresse ist nach fast schon skandinavischen Standards erklärt. Schlicht und erklärend ausgestellt, nicht überfrachtet und trotzdem so lebendig, dass ich mir vorstellen kann, wie das Leben hier vor 4000 Jahren war.

Das Kloster ist wieder ein riesiger Komplex, der wohl nicht nur Kloster, sondern auch Verteidigungsanlage und "Burg" war. Ein großer Innenhof, mindestens 2 Kirchen und die üblichen Klostergebäude. Das unglaubliche an dieser Anlage sind die Tunnel und versteckten Gänge. Die Tunnel verbinden das Kloster mit den umliegenden Dörfern. Das Tunnelsystem ist noch nicht in seiner Gänze erforscht und vermutlich liegen noch mehrere Kilometer Tunnel ohne unser Wissen irgendwo versteckt. Die Verbindungsgänge direkt im Kloster sind gut zugänglich. Ich erkunde die mal mehr und mal weniger engen Gänge und plötzlich stehe ich vor einem Loch in der Wand. Direkt vor mir, ist ein Abhang und die Boden ist mehrere hundert Meter weiter unten. Hui... In den oberen Etage sind an allen Fenstern Pechnasen oder ähnliche Feind-Abschreckungen angebracht.
Sehr spannend ist auch die Gavazan Säule. Das 8m hohe Steingebilde ist nach dem Hirtenstab der Schäfer benannt. Die Säule besteht aus mehreren Lagen aus Stein und reagiert auf jede noch so kleine Bewegung des Untergrunds. Die aufeinander gelegten Steinscheiben verschieben sich gegeneinander, machen Geräusche und weichen von ihrem ursprünglichen Muster ab. Auf diese Weise ließen sich Erdbeben und Invasionen vorhersagen. Eine gelungene Kombination aus Seismograph und Alarmanlage. Sobald die Erschütterungen vorbei sind, sollen die Steine wieder ihre Ausgangslage annehmen.

31.08.2015

Auf in den Süden

Freitag, grauer Himmel, Nieselregen, reichlich Arbeit. Zeit für Wochenende. Statt entspannt ins Wochenende zu starten, beeile ich mich zum Bahnhof zu kommen. Zug und Flug warten ja nicht unbedingt auf mich. Über Oslo nach Moskau. Dort habe ich nur 2 Stunden zum Umsteigen. Die Sicherheitskontrollen dauern ein bisschen. Viel ist mitten in der Nacht eh nicht zu sehen, also kein Problem. Nach weiteren 3 Stunden und einem weiteren Stück Pappe, genannt Sandwich, lande ich in Yerevan. Klack, Stempel im Pass, hopp, Gepäck geholt und schon bin ich in der Stadt. Hostelbett, schlafen und los. Es ist erstaunlich warm. Hatte doch das allwissende Internet 25°C versprochen und nicht 35°C. Da hilft nur Sonnencreme und los. Der Weg führt aus der Stadt heraus, vorbei an vielen trockenen Hügeln und wenigen Häusern, bis nach Geghard. Dort ist eines der bekanntesten Klöster des Landes. Bekannt, weil es groß, gut erhalten, dicht an der Stadt und halb in den Felsen gehauen ist. Wie fast überall stehen vor dem Eingang des Klosters Souvenirverkäufer und verkaufen Kuchen, Süßes, Kreuze, Wodka und andere Kleinigkeiten. Dann geht es eine kleine Treppe hoch und schon stehe ich in einer Kirche. Eine hohe Kuppel mit sogenanntem Stalagtiten- Muster öffnet sich über mir. Die Luft ist Weihrauch-schwer und die wenigen Sonnenstrahlen, die durch die kleinen Fenster fallen, malen beeindruckende Muster in den Weihrauch.

Kloster in ArmenienEine kleine Tür führt aus dem Raum heraus, weiter in den Berg hinein. Der Raum ist nur noch von den vielen honiggelben Kerzen beleuchtet und ich frage mich, was da wohl so spannend ist. Es drängen nämlich eine Menge Leute in diesen Raum. Nach einer kurzen Weile Schlange stehen, finde ich mich plötzlich vor einer Wasserquelle wieder. Das soll heiliges Wasser sein und gegen alles helfe, was unangenehm ist. Nach einem Schluck Wasser aus der Heiligen Quelle, gehe ich die Treppe nach oben in die 2. Etage der Kirche. Fast gänzlich abgeschlossen von der 1. Etage, ist da ein 2. Kirchraum. Durch ein Loch im Boden, kann man in den Raum der ersten Etage gucken.

Obwohl das Kloster nicht mehr als Kloster aktiv ist, sind viele Menschen hier unterwegs. Auf der einen Seite sind es Touristen, auf der anderen Seite, laufen Priester und festliche gekleidete Menschen hin und her. Taufen und Hochzeiten finden hier nämlich noch statt. Nur Mönche wohnen nicht mehr hier.
Eine weitere Kirche lädt zur Besichtigung ein. In den Wänden sind großartige Steinschnitzereien zu sehen. Fast überall sind Kreuze in den Stein gemeißelt. Filigrane Muster, die ich nie im Stein vermutet hätte, haben die alten Künstler hervor gezaubert. Jedes Kreuz und jeder Kreuzstein ist ein Unikat und alle sind willentlich asymmetrisch. Asymmetrisch, damit sie nicht "göttlich" erscheinen. Die kleinen Asymmetrien sind aber so unauffällig, dass ich sie nicht gesehen habe.
Durch schmale Gänge mit niedrigen Decken gelange ich wieder raus ans Tageslicht. Ziemlich warm hier. Der Himmel ist blau, aber es ist diesig. Die Berge in der Ferne verschwimmen im Dunst. Schade.
Am Fuß einer weiteren Treppe (also in den Fels gehauene Treppenstufen) stehen Menschen und werfen Kieselsteinchen gegen eine Wand. Bei näherem Hingucken, stelle ich fest, dass sie versuchen, die Steinchen in Löcher in der Felswand zu werfen. Bleibt der Stein dort liegen, soll das Glück bringen. Man hat unendlich viele Versuche, um das zu schaffen. Da ich keine Lust habe, mich in die Schlange zu stellen, schlendere ich weiter durch das Klostergelände, zu einer Brücke und einer Höhle. Hübsch hier.

Dann laufen wir los. Durch ein trockenes Tal. Alles, was ich bis jetzt gesehen habe, ist trocken. Auch wenn der Boden fast schon staubt, gibt es reichlich Vegetation. Bäume (Äpfel, Birnen, Pflaumen, Reneclauden, Mirabellen, aber auch Granatäpfel, Pfirsich und Aprikosen - letztere allerdings nicht pflückbereit), Sträucher, Dornengewächse und allerhand Gestrüpp wächst wild in der Gegend herum. Die Sonne brennt und Schatten gibt es kaum, dafür gibt es an fast jeder Weggabelung einen Trinkbrunnen. Statt das Wasser zu trinken (ich traue mich trotz Asbest-Bakterien-Flora nicht so recht), lasse ich mir immer wieder etwas Wasser über den Kopf und über die Handgelenke laufen. Das tut gut. 

Die Landschaft scheint irgendwie karg. Auch wenn hier und da ein paar Pflanzen stehen, ist es eher grau/braun. Wir gehen in einer Schlucht. Rechts und links geht es den Berg hoch. Ein kleines Bächlein fließt neben uns her. Und dann - rechts um die Ecke und ich glaube, mir müssen die Augen aus dem Kopf fallen, weil ich vor einer Wand aus Basaltsäulen stehe. Unglaublich. Ich weiß ja theoretisch, dass es "nur" Stein ist, aber die Formationen sind einmalig. War ich doch schon in Washington so begeistert davon. Und jetzt hier, nur in soooooo riesig. Ich gucke und staune und lasse die Macht der Vulkane auf mich wirken. Was so ein bisschen Stein doch faszinieren kann. 

Als ich mich satt geguckt habe, geht es den Berg hoch - warm...- durch das Dorf zum Tempel von Garni. Ein heidnischer Tempel, erinnert mich an die griechischen oder römischen Tempel mit den Säulen davor. Eine sehr aufgeräumte Anlage, aber nicht atemberaubend. Abends duschen und dann ein Bummel durch die Stadt. Ich bin erschlagen von der Vielfalt der Geschäfte. Es gibt jegliche Designer, die man sich so vorstellen kann, schicke Cafés und Restaurants und nichts erinnert daran, dass ich östlich der Türkei bin. Ja, es ist hübsch und ich genieße es, bis spät abends in Shorts und T-Shirt sitzen zu können, aber wo ist das fremdartige, das orientalische?

Hatte ich mich draußen noch über den warmen Abend gefreut, geht die Begeisterung schnell zurück, als ich mich ins Bett lege. Puuh, schön warm hier...