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01.07.2016

Unterwegs in der Wüste

Die Entscheidung nach Mustang zu fahren, hatte mehrere Gründe. Zum einen hat mich die Gegend vor 2 Jahren sehr fasziniert, zum anderen liegt Mustang im Regenschatten der Anapurna-Kette. Und das ist mitten im Monsun unendlich viel wert. Nach der etwas etwas längeren Anreise, würden ein paar Tage laufen wirklich gut sein. Also los. Ich frühstücke im Hotel und dann ziehen wir los. Kommen am Litlle Asia Hotel vorbei - etwas anders als in meiner Erinnerung, aber könnte schon stimmen, über die Brücke durch das weniger touristische Jomsom und dann sind wir auf dem Weg. Der Weg, führt wie beim letzten mal, am Fluss entlang. Dieses mal kein Tee im Ekle Bhatti Hilton Hotel. Dafür eine Pause in Kagbeni. Das Mittagessen besteht aus Kartoffeln. Angeblich eine der Hauptenergiequellen hier. Mal sehen, wie es weiter geht. Eigentlich sollten wir hier übernachten. Aber um 11.00 schon am Tagesziel zu sein, kommt mir merkwürdig vor. 

Ich will lieber weitergehen. In Kagbeni müssen wir uns am Ortsausgang registrieren. Die Prozedur hat sich in den letzten 2 Jahren nicht verändert, es gucken immer noch 2 zu, wie der eine registriert und den 2 Kontrolleuren, gucken wiederum 4 weitere zu. Ich gucke mir derweil die Straße vor dem ACAP-Office an. Eine Mani-Wand teilt die Straße. Ich mag diese Gebetsmühlen so gerne angucken. Die sind so fremd, so faszinierend und irgendwie haben die was beruhigendes. In jeder Gebetsmühle sind die 108 wichtigsten Mantras aufgeschrieben und aufgerollt. In den größeren gleich mehrfach, in den kleineren eben nur einmal. Am Ende der Straße haben 3 Frauen angefangen die Spreu von der Gerste zu trennen. Auf einer großen Plane ist das Getreide aufgehäuft. Immer wieder füllen sie kleine Portionen der Körner auf eine Art Tablett. Dann werfen sie die Körner in die Luft. Der Wind pustet die leichte Spreu weg, während die schweren Körner zurückbleiben und wieder auf das Tablett fallen. Die So gereinigten Körner werden auf einen Haufen geleert und die Prozedur geht von neuem los. Ganz schön viel Arbeit für so eine bisschen Korn. Gerne wäre ich geblieben und hätte weiter zugeguckt. Aber wir wollen weiter. 

Der Weg führt uns Richtung Tibet. Nilgiri bewacht uns auf dem Weg. Hin und wieder guckt auch Muktinath Peak durch die Wolken. Die Sonne scheint, es ist angenehm warm und der Wind pustet mir in den Rücken. Damit kann ich leben. Nach der langen und anstrengenden Steigung am Anfang des Tages, hatte ich gehofft, es würde weniger bergauf gehen. Aber scheinbar geht es nur hoch. Dabei sollen wir doch gar nicht so hoch kommen. Nur 4230m - gefühlt sind wir mindestens schon 5000m hoch. Nach einer langen Steigung kommt ein Plateau, eine Vidde. Hä? Ist das da ein Zaun? Hier steht Nepals höchste Apfelfarm. Sieht allerdings nicht gerade bewirtschaftet aus. Die Bäume sind kaum zu erkennen und die Scheiben am Kontrollhäuschen sind eingeschlagen. Der Ausblick ist allerdings wirklich schön und so machen wir eine kurze Pause hier, essen einen Apfel, auch wenn der nicht von der Farm hier kommt. Der Weg geht runter, fast ein bisschen zu steil. Ich bin lieber auf der Straße gegangen, um den fast senkrechten Pfad zu umgehen. Plötzlich ist da eine Bewegung am Hang. Erst ganz undeutlich, dann etwas besser zu erkennen. Mama Reh (oder sowas in der Art) und ihr Kind hoppeln über die Straße und lecken hier und da an einem Stein. 
Mittlerweie bin ich ziemlich kaputt und freue mich auf eine Dusche. In Pokhara hatte ich die grandiose Idee, etwas Gutes für die Gemeinschaft zu tun und habe mich von den Helping Hands massieren lassen. Leider hat die Frau das Öl mehr oder weniger nur auf meinem Kopf verteilt und das laukalte Wasser im Hotel hat auch bei dreimaligem Haare waschen nichts weiter gebracht, als das Öl möglichst tief in den Haaren einwirken zu lassen.
 
Gegen 17 Uhr sind wir in Chucksang. Das Hotel ist sauber und freundlich. Ich sitze erst eine Weile im Aufenthaltsraum und schreibe ein paar Zeilen ins Tagebuch. Dann ist das Wasser aufgeheizt und ich bezahle brav die 200 Rupees, um zu duschen. In meiner Erwartung ist die Dusche ein kleines Rinnsal mit lauwarmen Wasser. Umso überraschter bin ich, als mich ein kräftiger Strahl mit richtig warmen Wasser trifft. Nach 2 Runden ist sogar das Öl ausgewaschen und ich kann mich dem wirklich Wichtigen widmen, Essen! Es gibt Dal Bhat und ich bin zufrieden. Ein kurzer Abendspaziergang durchs Dorf rundet diesen Tag ab. Wie es im Urlaub so ist, liege ich schon bald selig schlummernd im Bett.

Von Chucksang soll es weitergehen nach Syangboche. Die phonetische Übertragung von tibetischen/nepali Namen in europäische Sprachen ist nicht immer einfach. Die Buchstaben B und M liegen in der hiesigen Sprache so dicht beeinander, dass man unmöglich sagen kann, das es eindeutig das eine oder das andere ist. Also wird der Ort auch mal als
Syangmoche bezeichnet. Wichtig ist vor allem, dass wir dort hinkommen. Aber das sollte kein Problem sein. Die Wege sind breit und gut zu laufen. Eigentlich gehen wir die ganze Zeit auf der Straße. Die hist hier halt ein Schotterweg. Ab und zu gibt es Fussgängerabkürzungen, die etwas steiler den Berg raufführen und nicht in langen Kurven.
Eine Weile begleitet uns der Kali Gandhaki Fluss, bevor wir (oder er?) abbiegen. In den Felsen sind immer wieder kleine Löcher, die bei genauem Hinsehen gar nicht so klein sind, sondern die Fenster von Höhlen. Die Höhlen wurden wohl als Meditationsort geschaffen und später von tibetischen Freiheitskämpfern für als Versteck genutzt. Ich kann mir vorstellen, dass die Höhlen auch mal als Aufenthaltsraum/Wohnung genutzt wurden. Aber darüber stand nichts im Reiseführer. Es geht mal wieder bergauf und ich will schon protestieren, dass wir jetzt doch nicht mehr weiter hoch können, wenn wir angeblich nur
knapp über 4000m sollen. Wir waren doch auf jeden Fall bei 3700m in Chucksang. Bald sehe ich Gebetsfahnen, die über eine Steinhaufen gespannt sind. Hier ist also eine Pass und gleich wird es wieder runter gehen. Oben auf dem Pass eine kurze Pause. Ein bisschen was trinken, einen Keks essen und weiter. In der Ferne sind Gletscher zu sehen. Die stehen schon auf der anderen Seite der Grenze - in Tibet. Zu gerne würde ich da auch mal hingehen. Nicht fahren, nicht fliegen, nein Laufen. Auch wenn ich immer wieder daran zweifel, ob es eine gute Idee ist, zu laufen, weil mich Steigung und drückende Steine völlig fertig machen, bin ich am Ende des Tages so angenehm erschöpft, dass ich freiwillig um 20 Uhr ins Bett gehe und tief und fest bis zum nächsten Morgen schlafe. Das ist wirklich Erholung pur. Besser könnte es nicht sein. 

Ok, aber der Pass, der eigentlich keiner ist. Oder sich zumindest nicht so anfühlt. Allerdings hat sich die Landschaft radikal verändert seit wir auf dem höchsten Punkt der Straße waren. Plötzlich ist es viel grüner geworden. Oder zumindest stehen deutlich mehr Pflanzen herum. In Ghami machen wir Mittagspause. Hier ganz in der Nähe ist die längste Manimauer in ganz Mustang. Von Ghami muss ich erst durch ein Flusstal. Diese Dinger haben es echt in sich. Erst steil bergab,dann über ein Rinnsal von Fluss und dann die ganze Strecke wieder bergauf. Und dann stehe ich plötzlich vor der Wand. Vielleicht 100m lang streckt sich diese Mauer durchs Gelände. Die obere Hälte besteht auch Manisteinen mit den wichtigsten Mantras: Om Ma Ni Padme Hum steht auf jedem Stein drauf. Ich habe nicht gezählt, aber es sind viele, sehr, sehr viele Steine. Wenn ich tatsächlich jedes mal gebetet habe, wenn ich an so einem Stein vorbei komme, dann habe ich viel gebetet.
 
Am Ortsein- und ausgang stehen oft Stupas oder Chorten. Die sind hier mit natürlichen Erdfarben angemalt, weiß, rot, gelbbraun. Passt gut in die doch recht karge Landschaft. Ich weiß nicht genau warum, aber diese Wüste gefällt mir. Keine Bäume die mir die Sicht nehmen, nur Sträucher und Sukkulenten. Hin und wieder mal ein Löwenzahn. Yaks und Ziegen kreuzen den Weg. Eine Ziegenherde ist so groß, dass wir stehen bleiben müssen, um sie vorbei zu lassen. Der ihnen folgende Hirte geht mit der Herde zu den Futterplätzen. Jeden Tag, bei jedem Wetter. Und immer begleitet von den gigantischen Bergen des Himalaya. Die müssen ganz schön mit sich im Reinen sein, soviel Zeit, wie die hier in der Einsamkeit, nur mit den nichtsprechenden Tieren verbringen. Ich glaube, als Ziegen- oder Schafhirte könnte ich mir auch einen Urlaub vorstellen. Den ganzen Tag draußen und in Bewegung mit den Tieren. Aber eben nur als Urlaub, für eine begrenzte Zeit. Ich schreibe das mal auf die Bucketlist.

29.05.2016

Was macht Rudolph in der Stadt?

Durch einen Zufall (Langeweile) habe ich im Internet eine Stellenanzeige gefunden, die ganz interessant klang. Arbeiten am Ende der Welt, Extra-Urlaub (den ich nehmen kann, wann und wie ich will), Naturperlen direkt vor der Haustür und weg aus Trondheim. 
In einer Nacht- und Nebel-Aktion habe ich eine Bewerbung geschrieben und kurz vor Bewerbungsschluss abgeschickt. Dann habe ich wochenlang nichts gehört und die Sache eigentlich zu den Akten gelegt. Dann, auf dem Weg zum Flughafen, reißt mich das Handy aus dem Schlaf. Eine Nummer, die ich nicht kenne? Mmmh, ich war kurz davor, den Anruf wegzudrücken. Gut, dass ich es nicht gemacht habe, denn der Chef aus Hammerfest wollte gerne ein Telefonbewerbungsgespräch mit mir verabreden. Gesagt getan, Bewerbungsgespräch am Telefon, mal was neues. Um mir das Krankenhaus genauer anzusehen, sollte ich mal zum hospitieren vorbei kommen. Haha, vorbeikommen. Das sind knapp 20 Stunden Autofahrt. Mit ein bisschen Organisation und Tricksen habe ich eine knappe Woche frei bekommen und durfte mich in meiner liebsten Tätigkeit hingeben, dem Fliegen. Fliegen nach Tromsø finde ich immer wieder lustig mit der kurzen Landung in Bodø, wo die Leute ein- und aussteigen dürfen. Dann 1 Stunde Aufenthalt in in Tromsø. Ich muss zugeben, ich bin ein bisschen aufgeregt, als ich abends um 22.45 Uhr bei strahlendem Sonnenschein in den kleinen Widerøe Flieger steige. Ich mag die Landschaft hier. Ein bisschen karg, ein bisschen einsam und irgendwie trollsk. Hammerfest ist der erste Stopp auf dieser Reise und meine Endhaltestelle. Der Flieger fliegt weiter über die Dörfer und hält da, wo Leute ein- oder aussteigen wollen. Nur halt ohne mich, ich bin, bei immer noch strahlendem Sonnenschein, um 23.15 in Hammerfest ausgestiegen und dort vom Chef abgeholt worden. Schon beim Aussteigen aus dem Flugzeug hat sich ein Schalter umgelegt und mein Ich weiß, dass es hier zu Hause sein kann. Wär ja nett, wenn es mich vorher gefragt hätte...
Am nächsten Tag werde ich nach dem Frühstück zur Dorfrundtfahrt abgeholt und danach geht es zum gemeinsamen Mittagessen mit allen Kollegen. Der Chef lädt ein. Alle wirken offen und interessiert. Und vor allem scheint es ihnen wichtig zu sein, wer die Stelle bekommt. Die wollen nicht irgendeinen Kinderarzt haben, die wollen, dass ICH dahin komme. 
Und dafür strecken sie sich ganz schön lang. Einladungen zum Abendessen, zu einem Konzert, einer Wanderung inklusive Pfannkuchen backen und natürlich gucken im Krankenhaus. Alle die ich treffe, versuchen mir gute Gründe fürs Bleiben zu vermitteln. St. Olavs mit Euren NEIN, dann vielleicht, eventuell, wenn nichts anderes dazwischen kommt, mal sehen... kommt ihr da nicht weit. 
Rund um Hammerfest ist ein Zaun aufgestellt, damit die Rentiere nicht ständig in die Stadt laufen. Rudolph und seine Artgenossen halten sich nicht unbedingt immer an die Verkehrsregeln und gehen auch mal bei Rot über die Straße oder laufen in verkehrter Richtung in der Einbahnstraße. Auf der Internetseite der Kommune, kann man Rentiere melden, die gegen die Verkehrsregeln verstoßen haben. Eine andere Welt...
Auf der kurzen, aber sehr schönen Wanderung zu Tyven, dem Hausberg des Dorfes, treffen wir neben Vögeln und Pfannkuchen auch ein paar Rentiere. Eine ganze Familie genießt das frische Gras an der Außenseite des Zauns. Ein bisschen scheu sind die Tierchen ja, aber immerhin haben sie sich gezeigt und nicht wie alle anderen Säugetiere vor mir versteckt. Das kann der Beginn einer langen Freundschaft werden. 
Wieder zurück in Trondheim, muss ich mich schnell entscheiden, was ich will. Neo und Intensivmedizin, dafür einen unflexiblen Arbeitsplan und jährliche Reduktion meiner Lebensqualität oder Landarztpädiatrie mit exotischen Alltag und allen Annehmlichkeiten, die die Finnmark so zu bieten hat. Ich entscheide mit für letzteres. Für den Fall, dass es mir doch nicht gefällt, habe ich die Verabredung, dass ich auf die Neo zurückkommen kann. Netz und doppelter Boden. Also Hammerfest, pass auf. Ich komme. 
Ach ja, eine Internetrecherche hat ergeben, dass die Gehilfen des Weihnachtsmanns im Sommer genau das gleiche machen, wie die meisten Menschen auch. Sie liegen am Strand und genießen das Leben. 


22.10.2015

Nordpol oder Armenien, Nansen war da

Eher zufällig bin ich bei einer Googelei auf das Nansenmuseum in Yerevan gestoßen. Klar, dass ich da ein bisschen neugierig geworden bin. Ein Norweger in Armenien? Warum denn das?
Ein bisschen mehr gegoogelt, Wikipedia gefragt und schon wusste ich mehr. Fridtjof Nansen war nicht nur Polarforscher, hat also nicht nur den Nordpol auf Ski überquert und mit seinem Fram-Schiff neue Fahrwasser entdeckt. Er war ganz nebenbei auch Menschenrechtsaktivist und hat sich für die vielen Flüchtlinge dieser Welt eingesetzt. Nach eben diesen Nansen ist auch der Nansen-Pass benannt. Ein (damals) international anerkanntes Reisedokument, das staatenlose Flüchtlinge bekommen konnte, um zumindest die Möglichkeit zu haben, in irgendeinem Land Asyl zu beantragen. Heute hat die UN ein ähnliches System. Heißt nur nicht mehr Nansen-Pass.

Soviel also zum Hintergrund. Ich habe mich auf den Weg gemacht. Das Nansenmuseum, die Nansenkirche und der Nansenpark sind am anderen Ende der Stadt. Ich habe eine Straßenkarte von der innersten Innenstadt Yerevans. Nicht von den Hochhaussiedlungen drumherum. So in etwa weiß ich, wo ich hin will. Und mein Handy hat GPS. Was ich nicht bedacht hatte, dass Open Street Maps ja nicht immer auf dem allerneuesten Stand ist und Yerevan sich sehr, sehr, sehr schnell verändert. Die erste Stunde habe ich das Gefühl, den Weg zu finden, den ich mir ergoogelt hatte. Dann laufe ich durch eine Baustelle, die Google nicht kannte und dann? Ja, dann bin ich wohl in Yerevan angekommen. Scheinbar eine gutbürgerliche Wohngegend. Es ist so unendlich schön, einfach durch die Straßen zu schlendern und den Frauen beim Plausch am Gartentor zuzusehen, den Kindern beim Fußballspielen und den Männern beim Schachspielen im Schatten. Der Weg führt mich weiter und ganz plötzlich bin ich wirklich, wirklich in einer dieser Hochhaussiedlungen gelandet. Das, was ich bisher nur aus dem Fernsehen und aus Geschichten über Russland kannte, ist jetzt Wirklichkeit und ich stehe mittendrin. Hohe, graue Plattenbauten, Frauen in Kittelkleidern und sonst nichts. Ich weiß nicht, was ich fühlen und denken soll. Nehme es aber als Erfahrung mit nach Hause. Surrealistisch!

In einem kleinen Laden kaufe ich mir ein UDSSR-Eis, laufe weiter und gucke hier und da mal aufs Handy. So grob laufe ich in die richtige Richtung. In einem Supermarkt mache ich Pause, kaufe mir was zu trinken und überlege, warum ich eigentlich keine Flusskrebse gegessen habe, während ich hier war. Die scheinen Frisch zu sein. Auf jeden Fall krabbeln und krebsen sie in ihren Becken rum. Diese armenischen "Yerevan City" Märkte sind beeindruckend. Die Auswahl deutlich größer als in Norwegen. Eine riesige Süßigkeiten und Keks-Abteilung, ein kilometerlanges Milchprodukteregal und eine Obst- und Gemüseauswahl, die ihresgleichen sucht. Sogar das 2. Wahl Obst und Gemüse kann man hier kaufen.

Als die Sonne am stärksten scheint und ich das Gefühl habe, gleich zu schmelzen, bin ich schon dabei zu beschließen umzudrehen. Det er ingen skam å snu, es ist keine Schande umzudrehen. Da ich aber nicht genau weiß, wohin ich gehen soll, frage ich mal wieder mein GPS. Open Street Maps meint, ich wäre gleich da. Auf dem Weg liegt eine Kirche. Und da Sonntag ist, ist da voller Betrieb. Ein Weile stelle ich mich dazu und genieße den Gottesdienst. Auch wenn ich kein Wort verstehe, gefallen mir die Gesänge. In der Kirche herrscht stetes Kommen und Gehen. Kerzen werden verkauft und mir fällt es schwer dem Ablauf zu folgen. Irgendwann gehe auch ich. Nach einer weiteren Viertelstunde, sehe ich plötzlich auf einem blinkenden Straßenschild den Namen "Nansen". Dann wird das hier wohl ganz in der Nähe sein. Erst durch den Park, der zugegeben etwas kümmerlich scheint, dann irgendwie durch den Hinterhof eines Restaurant und schwupps schon bin ich an der Kirche und dem Museum. Das Museum hat natürlich zu... Scheint aber auch nicht soooo groß zu sein. Es ist ein kleiner runder Bau, vielleicht 3m im Durchmesser. Eine Infotafel erzählt, wer Nansen war weist auf die überlebensgroß Statur. Diese Ecke der Stadt ist wirklich nett. Es ist immer noch warm, aber nicht mehr brütend heiß. Ich setze mich auf eine Bank und gucke dem Treiben um mich herum zu. Die Kinder, die offenbar Teil einer Hochzeitsgesellschaft sind, spielen und Tanzen im Hof. Kurze Zeit später kommt der Priester (ich tippe mal, dass er Priester war, er trug auf jeden Fall einen Talar) und tanzt mit.


10.09.2015

In einem schwarzen Lada übers Land

Nach dem mir unverständlichen Ausflug nach Dilijan, weiter nach Tsaghkashen. Während Yerevan doch sehr westlich und modern war, ist in diesem Örtchen die Zeit stehen geblieben. Zumindest teilweise. Da die Winter hier auf über 2000m Höhe doch recht kühl werden können und die Häuser nur suboptimal isoliert sind, brauchen die Leute andere Heizmaterial. Kuhfladen eignen sich ja hervorragend dafür. Also gibt es vor jedem Haus aufgetürmte, getrocknete Kuhfladen. Der Strom, der durch die eine oder andere Wasserkraftanlage gewonnen wird, scheint ausnahmslos für die großen Nachbarn im Norden bestimmt zu sein. Die Gasleitungen laufen hier oberirdisch und machen alle paar Meter mal einen Bogen nach oben. Sieht ein bisschen speziell aus, aber scheint gewollt zu sein.
Bevor wir im Dorf Tsaghkashen ankommen, machen wir, im Nieselregen, einen Stopp auf dem größten Kreuzsteinfriedhof der Welt. Hier gibt es ca 900 Kreuzsteine oder Chatschkare, auf armenisch. Alte und neue, kunstvoll verzierte und weniger filigran geschmückte. Die kleinen wiegenförmigen Steine sollen Kindergräber sein. Ganz schön viele. Mmmh. Chatschkare sind nicht nur Grabstein sondern auch Erinnerungsstein. Sie können daran bzw an denjenigen, erinnern, der hier eine große Spende gespendet hat. Oder an einen militärischen Sieg. Oder daran, dass hier eine Brücke, Straße, Kirche fertiggestellt wurde. Beeindruckend sind diese Chatschkare auf jeden Fall. Es sind zum Teil große (2-3m hohe) oder kleine Steine, die als zentrales Symbol ein Kreuz haben. Der Rest des Steins ist vollkommen mit verschlungenen Mustern bedeckt, die Muster bestehen aus Weintrauben, Ranken, Tieren oder auch abstrakten Knotenmustern. Die neueren Steine haben oft eine Art Krone über dem Kreuz.
Leider hat Samuel nicht viel zu den Steinen zu erzählen und ich muss mir das meiste selber erlesen und zusammensuchen. Bezaubert von den filigranen Mustern der Steine und etwas enttäuscht von mangelnden Wissen meines Guides geht es weiter nach Tsaghkashen.
Wir werden herzlich empfangen und reichlich bewirtet. Pflaumen, Weintrauben und Äpfel aus dem Garten, dazu Unmengen an Keksen und Süßigkeiten. Auch wenn das Haus nicht so ganz unseren Standards entspricht, ist es doch gemütlich. Nur eben ein bisschen anders. Zentraler Raum im Haus ist - wie sollte es auch anders sein - die Küche. Die Einrichtung hat ihren ganz speziellen Charme. Nicht mein Stil, aber ich soll ja auch nicht da wohnen.
Nach der Teepause, ziehen wir los. Ein kleiner Spaziergang zu einer Wasserquelle. Die Landschaft ist plötzlich grün geworden. Seichte, grasbewachsene Hügel, dahinter ein paar höhere Berge. Wir laufen, wieder mal querfeldein, durch die Gegend, vorbei an Sommerhäusern von Kuh- und Schafhirten und immer wieder bergauf und bergab. Es regnet, neeeeiinnn, bitte nicht. Ich mag doch nicht im Regen laufen. Hört zum Glück schnell wieder auf. Um zu gucken, wie es hinter mir aussieht, drehe ich mich kurz um. Jetzt weiß ich, warum es auch mal regnen muss. Sonst hätte ich wohl diesen Regenbogen nie gesehen. Ein richtig schöner Bogen. Sogar ein doppelter Regenbogen und bei genauem Hinsehen hat er noch einen kleinen Nebenregenbogen. Da hat sich das Nass-werden gelohnt. Weiter bergauf. Eher psychisch anstrengend als physisch. Und irgendwann sind wir an der Quelle. Nun ja, da ist ein kleines Loch im Boden und da kommt Wasser raus. Ist ja ganz hübsch und wenn ich hier eh vorbeigekommen wäre, hätte ich auch sicher angehalten. Aber extra hierher zu gehen? Bestimmt kein 2. mal. Ohne lange zu zögern oder dem Augenblick hinterher zu hängen, drehen wir um und gehen zurück. Auf halber Strecke, also nach ca 1,5 Stunden, kommen wir wieder zu den Sommerhäusern. Vor einem der Verschläge spielen ein paar Kinder. Die Eltern kommen heraus und laden uns auf einen Kaffee und Vodka ein. Nicht gerade die Modernste und winddichteste Unterkunft. Aber wahrscheinlich genug für den armenischen Sommer. Oder? Ich weiß nicht. Festgetrampelter Lehmboden, ein paar Steine übereinander, ein bisschen Wellblech. Das ist das Haus. Sofort werden Lavash, Butter und Kekse auf den Tisch gestellt. Dazu Kaffee, Tee und Vodka. Und ich werde aufgefordert zu essen und zu trinken. Das Lavash ist nicht aus dem Supermarkt, das ist selbst gebacken. Genau wie die Butter. Die ist auch nicht gekauft, sondern stammt von den Kühen hier. Sehr, sehr lecker.
Die Hirten leben in den Sommermonaten hier draußen und passen auf, dass keiner ihre Kühe klaut. Leider kommt das immer wieder vor, dass Kühe oder Schafe verschwinden, deswegen muss immer jemand in der Nähe sein. Von Herbst bis ins Frühjahr, leben die Menschen in Dörfern in der Nähe und haben ihre Tiere dort im Stall. Ein ganz anderes Leben als meins. Ich möchte nicht tauschen.

Der nächste Morgen beginnt früh. Ich wollte ja gerne den Sonnenaufgang von unterwegs erleben. Leider kommen wir nicht rechtzeitig los, so dass es schon dämmert, als wir das Haus verlassen. Still schläft das Dorf als wir zwischen den Häusern entlang gehen. Bald geht es bergauf. Ein guter Treckerpfad, kein Matsch, keine Wurzeln, keine Stufen. Angenehm zu gehen. Die Sonne kriecht schnell über den Horizont und lässt den Himmel blau und die Wiese grün leuchten. Schön, so darf es bleiben. Auch hier werden wir von den Hirten sofort eingeladen. Es ist früh am morgen und ich möchte auf gar keinen Fall Vodka. Hilft nicht, ich bekomme welchen eingeschenkt. Seit gestern weiß ich ja, dass es funktioniert nur am Vodka zu nippen und so zu tun, als würde man trinken. Und wieder Lavash, Butter und Kekse. Verhungern werde ich hier wohl nicht. Der Oberhirte will mir noch seine Hunde zeigen. Behutsam zieht er 3 kleine Welpen aus einer Hundehütte. Die Hundemutter ist etwas skeptisch, lässt sich aber durch ein paar Streicheleinheiten schnell beruhigen. Die Hundebabys sind 11 Tage alt. Noch haben sie nicht mal die Augen auf. Tapsig und unbeholfen kriechen sie übereinander, bevor sie zurück in ihr Zuhause gesetzt werden. Ich glaube, die haben es gut hier.

Der Weg führt uns weiter nach oben. Nach 6 Stunden mag ich eigentlich nicht mehr. Jetzt ist es nur noch ein kleines Stück auf dem Bergrücken, bis zum Gipfel. Der Sand ist weich und gibt nach. Ganz plötzlich hat sich die grüne Graslandschaft in eine rot-schwarze Lavawüste verwandelt. Jedes mal wieder bin ich fasziniert von dem, was das Innere der Erde hervorbringt. Vulkane sind etwas unglaublich spannendes. Auf dem Gipfel angekommen, wird mit Tee und Keksen gefeiert. 360° Panoramaaussicht, hier und da ein kleiner See, die unterschiedlichsten Farben der umliegenden Berge und da, mitten im Nichts, auf dem Gipfel des Azhdahak-Berges, 3597m hoch, haben die Menschen eine Kapelle geschaffen. Ein Kreuz, ein paar Kerzen und einige Ikonen stehen windgeschützt in einem Verschlag. Irgendwie eine schöne Idee, hier oben so eine Art "Ort der Einkehr" zu haben. Nach der verdienten Pause geht es den bergab. Ein bisschen Regen, Schnee und Hagel sagen kurz Hallo und dann schnell wieder Tschüss. Abendessen - heute Suppe und Bratkartoffeln, dazu Lavash, Käse, Tomaten, Paprika, Gurke und Sucuk und dann schlummere ich auch schon. 13 Stunden draußen sein, 1500 Höhenmeter und alle nur erdenklichen Wetterlagen, machen müde.

Der Weg führt weiter nach Süden. An strategisch wichtigen Orten, sitzen immer Leute, die Obst, Honig, Nüsse und weitere Kleinigkeiten verkaufen. Gegen Mittag, sagt Samuel, sind wir an einem alten Hotel. Seidenstraßen solche "Karawansereien" oder eben auf neudeutsch, Hotel. Ein langer Raum mit Nischen für Mensch und Tier. Die letzten paar Tausend Jahre, ist es nur noch als Hotel und Fledermaus-schlafzimmer genutzt worden. Zumindest ist diese Unterkunft sehr idyllisch gelegen mit Blick über das Tal und im Hintergrund höhere Berge. Nach einem Picknick, steigen wir ins Auto, weil das nächste Ziel ein paar Stunden entfernt ist. Nach einer entspannten Fahrt sind wir an einem großen und sehr modernen Parkplatz. Neben armenischen, sind viele iranische Autos hier geparkt. Die Grenze zum Iran ist nicht weit und für Iraner ist Armenien ein beliebtes Urlaubsziel. Als wir an dem Hotel sind, bin ich etwas überrascht. Das sogenannte Hotel ist wirklich sehr alt. Es hat den Händlern, die die Seidenstraße gewandert sind. Laut der Infotafel gab es entlang der ganzen
Gleich hinter dem Parkplatz ist die längste Seilbahn der Welt. Über 5km geht die Fahrt über eine Schlucht zum sagenumwobenen Kloster von Tatev. Die Fahrt ist durchaus touristisch mit musikalischer Untermalung und Erklärungen zu dem was unter uns zu sehen ist. Und das gleich in verschiedenen Sprachen. Ein bisschen wie die Touristenfähre nach Geiranger. Am Kloster angekommen, bin ich enttäuscht von Samuels Nicht-Wissen. Ich suche mir meine Information so gut es geht, selber zusammen. Die alte Ölpresse ist nach fast schon skandinavischen Standards erklärt. Schlicht und erklärend ausgestellt, nicht überfrachtet und trotzdem so lebendig, dass ich mir vorstellen kann, wie das Leben hier vor 4000 Jahren war.

Das Kloster ist wieder ein riesiger Komplex, der wohl nicht nur Kloster, sondern auch Verteidigungsanlage und "Burg" war. Ein großer Innenhof, mindestens 2 Kirchen und die üblichen Klostergebäude. Das unglaubliche an dieser Anlage sind die Tunnel und versteckten Gänge. Die Tunnel verbinden das Kloster mit den umliegenden Dörfern. Das Tunnelsystem ist noch nicht in seiner Gänze erforscht und vermutlich liegen noch mehrere Kilometer Tunnel ohne unser Wissen irgendwo versteckt. Die Verbindungsgänge direkt im Kloster sind gut zugänglich. Ich erkunde die mal mehr und mal weniger engen Gänge und plötzlich stehe ich vor einem Loch in der Wand. Direkt vor mir, ist ein Abhang und die Boden ist mehrere hundert Meter weiter unten. Hui... In den oberen Etage sind an allen Fenstern Pechnasen oder ähnliche Feind-Abschreckungen angebracht.
Sehr spannend ist auch die Gavazan Säule. Das 8m hohe Steingebilde ist nach dem Hirtenstab der Schäfer benannt. Die Säule besteht aus mehreren Lagen aus Stein und reagiert auf jede noch so kleine Bewegung des Untergrunds. Die aufeinander gelegten Steinscheiben verschieben sich gegeneinander, machen Geräusche und weichen von ihrem ursprünglichen Muster ab. Auf diese Weise ließen sich Erdbeben und Invasionen vorhersagen. Eine gelungene Kombination aus Seismograph und Alarmanlage. Sobald die Erschütterungen vorbei sind, sollen die Steine wieder ihre Ausgangslage annehmen.

19.10.2014

Sunshine State, ich komme

Mit etwas sperrigem Handgepäck lasse ich mich über den Atlantik fliegen. Kurzer Stopp in Amsterdam und dann ein wenig schlafen, bevor wir sanft in Atlanta aufsetzen. Die Einreise ist mal wieder eine Herausforderung an meine Geduld, Toleranz und erfordert viel Verständnis für das anders sein der Menschen auf dieser Seite des Ozeans. Mit einem Lächeln füge ich mich der Geduldsprobe, schließlich habe ich ja Urlaub. Viel Zeit bleibt nach 3 Stunden Warten am Einreiseschalter nicht mehr. Auch ok. Und dann, kurzen Flug später, bin ich in Jacksonville, bekomme das Auto und düse los. Es ist angenehm warm, die Sonne geht grad unter und ich muss nur in die Stadt, weil da mein Hotel steht. Einfache Ausstattung, aber für eine Nacht ok. Im Einkaufszentrum um die Ecke (20 Min mit dem Auto) gibt es noch was zu essen in Form von Brezeln mit Zimt und Zucker und Organic-Sushi. Gute Kombi, jetzt bin ich reif fürs Bett. Als hätte ich während der Flüge nicht geschlafen, schlummere ich nach wenigen Minuten tief und fest.

Und dann geht der Urlaub richtig los. Ich zuckel früh morgens los nach St. Augustine, gucke mir die Festung und den nachgebauten historischen Stadtkern an. Wow, ganz schön warm hier, dabei ist schon Ende Oktober. Zu einem guten USA-Urlaub gehört auch der eine oder andere Bummel durch einen Supermarkt. Was es nicht alles zu kaufen und zu sehen gibt. Ich bin wieder mal hin und weg und freue mich, ganz viel von dem unbekannten zu probieren. Erdnussbutter aus honiggerösteten Nüsslein kann ich uneingeschränkt empfehlen. Lecker, lecker.

An der Küste fahre ich weiter nach Norden, mache einen kleinen Stopp am Strand und lasse mir den Atlantik um die Füße spülen. Morgen will ich in den Okeefenokee Park. Da ich kein Zelt mit habe, übernachte ich in einem Ort in der Nähe. Es ist lange her, dass ich so viel Trostlosigkeit gesehen habe. Hier wird mir unmissverständlich klar, warum so viele Amerikaner so kirchentreu sind. In Orten wie Fargo, gibt es sonst nichts, aber auch wirklich gar nichts. Da ist Kirche der Anlaufpunkt für alle. Naja und der Tankstellensupermarkt. Während meines Abendesseneinkaufs, betreibe ich Sozialstudien. Bloß nicht zu lange aufhalten, das ist deprimierend. 

In Fargo hält mich nichts, ich mache mich bei Sonnenaufgang auf den Weg zum Wildlife refuge. Das Netz aus Fußwanderwegen ist dünn. Der eine ist ein Boardwalk, quasi ein Steg über dem Sumpf. Sehr nett gemacht, Infotafeln erklären das eine oder andere und ich warte auf die Alligatoren. Die waren natürlich nicht da, aber ein paar Reh-Tiere haben mir zumindest aus der Ferne guten Tag sagen wollen. Ein anderer, sehr kurzer, Weg führt an einem Kanal entlang. Ziemlich langweilig, aber dann... dann liegt dort einfach so eine große Echse auf der anderen Seite des Wasserlaufs. Mir fallen fast die Augen aus dem Kopf, dass sich so ein Tier in mein Blickfeld traut. Beschwingt ziehe ich weiter und schwinge mich ins Auto, um nach Tallahassee zu fahren. Etwas aufregend ist die Fahrt auf der vielspurigen Straße, bin ich gar nicht mehr wirklich gewohnt. Den kleinen Ausflug durch den Wald, direkt am Parkplatz, breche ich schnell ab. Ich bin einfach kein Mückenabendessen, die Sumsetiere scheinen da wirklich was verwechselt zu haben...

25.08.2014

Mitten im Urwald. So ganz anders als erwartet.

Die nächste Tour startet am Flughafen. Wie jetzt? Wandern am Flughafen? Naja, ich muss ja erstmal hinkommen und mit dem Bus fahren, würde mehrere Tage dauern. Inlandsflüge in Nepal sind ganz sicher ein Erlebnis der besonderen Art. Als erstes muss man seinen Schalter finden. In meinem Fall den von Simrik Air (darf übrigens NICHT in Europa landen). Dort stehen schon ganz viele Menschen und wedeln wild mit Armen und Beinen. Zur angegebenen Abflugzeit kommt ein Mensch mit einem Laptop und fängt an, die Passagiere und ihr Gepäck zu wiegen. Dann darf ich zum Sicherheitscheck. Ein kleiner, dunkler Raum und eine Security-Lady. Sie tastet mich sehr oberflächlich ab. Also eigentlich gar nicht. Und dann guckt sie in meinen Rucksack. Zumindest wirft sie einen Blick in das Hauptfach. Jetzt ist es schon eine Stunde nach angegebener Abflugzeit. Und immer noch kein Flugzeug da. Nach einer weiteren Stunden landet ein Flugzeug, das seine besseren Tage wohl schon erlebt hat. Schnell einsteigen, die Motoren werden nicht mal ausgestellt. Keine 10 Minuten hat der Bodenkontakt des Flugzeugs gedauert. Und dann geht es los. Würde man dem Flugzeug ein Messer unterschnallen, könnte man den Rasen auf den Bergen mähen. Und könnte ich das Fenster öffnen, könnte ich an den Berghängen zu meiner linken Seite, die Bäume und Blumen berühren. Ich genieße das bequeme Abenteuer und lasse mich von den wundervollen Ausblicken verzaubern. Himalaya in der Sonne und ich schwebe.
Statt mehrere Tage, dauert diese Reise nur 25 Minuten. Und dann sind wir in Pokhara. Puuh, warm und feucht. Ich fahre mit einem Minibus weiter nach Beni. Dort treffe ich meinen Guide. Der Trek muss immer mit einem lokalen Guide gegangen werden. Es ist ein Gemeinde-Projekt. Touristen sollen hier einen Guide mieten (der hat dann Arbeit) und in Homestays bzw Gemeindehäusern schlafen und dort auch essen (Gemeinde bekommt Geld). Die Einnahmen gehen direkt an die Gemeinden, die damit Solaranlagen, Schulen und Gesundheitseinrichtungen finanzieren. Eine gute Idee, wie ich finde. Allerdings ist der Myagdi Parbat Eco Trek noch in den Kinderschuhen und durchaus ausbaufähig.

Die Wanderung startet in Galeshwar. Es geht von der Straße über eine Hängebrücke in den Dschungel. Es ist warm, um nicht zu sagen unsagbar heiß. Und feucht. Innerhalb weniger Sekunden bin ich nass geschwitzt. Dazu trägt natürlich auch der Weg bei. Es geht bergauf und zwar auf Treppen. 600 Meter höher sind wir am Tagesziel. Ich lüfte meine Füße und freue mich über eine gute Tasse Tee. Dazu gibt es Gurke, direkt aus dem Garten. Abgewaschen mit frischem Leitungswasser. Ich bin vollkommen kaputt und lege mich bis zum Abendessen hin. Das Dal Bhat ist wieder sehr lecker. Ich hatte mir etwas mehr Kontakt mit den Leuten bei denen ich wohne versprochen, aber das dauert bis zum nächsten Morgen. Vom Gemeindehaus bis zum Schlafhaus, muss ich durchs ganze Dorf gehen. Es ist dunkel und die Wege sind schmal und rutschig. Ich freue mich auf mein Bett. In meinem Zimmer erwartet mich schon Eddis. Ein kleiner Kerl mit schönem Pelz und eleganten, langen Beinen. Erstmal ein Foto. Dann suche ich den Reiseführer, weil der ein Lineal drin hat. Eddis Größe muss dokumentiert werden. Leider verschwindet Eddis bevor ich ihn zusammen mit dem Maßbahn fotografieren konnte. Zurück bleibt der kleine Bruder, der einer großen europäischen Spinne gleicht. Zum Glück habe ich so die Möglichkeit Eddis Größe zu dokumentieren. Ich bin so froh, dass ich so müde war, dass ich sofort eingeschlafen bin. Und das obwohl ich das Ticken und Tacken von Eddis Beinen gehört habe. Draußen zirpen die Riesengrillen und machen dabei einen Riesenlärm. Ich bin im Urwald, im Dschungel - ganz anders als ich Nepal erwartet hätte.

Der erste volle Wandertag im Urwald startet wieder mit Treppen. Puuh, es ist ganz schön anstrengend und warm. Neblig und feucht außerdem. Eine Pause an einem Tempel. Ich kann mich nicht mehr erinnern für welchen der 330 Millionen Hindugötter dieses Tempelchen geweiht war. Der Weg ist nur teilweise erkennbar und ich verstehe, warum ein Guide nicht nur für das Projekt, sondern auch für mich, unentbehrlich ist. Einige Teile des Weges sind einfach nur Matschlöcher. Das wiederum bedeutet, dass ich bis zu den Knöcheln, einmal sogar bis zu den Knien, im Matsch wate. Ich hasse es! Die Leute hier nutzen den Weg als Handelsweg. Alle ca 30 Minuten ist ein Rastplatz eingerichtet. Eine Art Steinhügel, oft mit einem großen Baum drauf, der Schatten spendet. Fast jeden Tag, habe ich meine 1,75 l Wasser schon vormittags ausgetrunken und bekomme im Mittagsrestaurant frisches Wasser. Das Gemeindeprojekt umfasst auch die Trinkwasserversorgung. Das Trinkwasser wird mittels eines einfachen Filters auch für europäische Bäuche verträglich gemacht. Auch wenn ich scheinbar von innen mit Asbest ausgekleidet bin, benutze ich lieber dieses System, als das Wasser direkt aus der Leitung zu trinken. Mal sind wir zum Mittag schon am Übernachtungsort, mal essen wir in einem Dorf Mittag und gehen dann weiter zum nächsten Dorf. Ab dem 3. Wandertag lerne ich eine neue Form von Naturmedizin kennen. Blutverdünnung aus der Natur... Scheinbar wirke ich nicht nur auf Mücken sehr anziehend, sondern auch auf Blutegel. Auf dem Weg nach Mohare Danda, einem gemeinschaftlich genutzten Gemeindehaus auf 3300m, sammelt sich eine ganze Familie zu einem großen Festmahl - an meinem linken Knöchel. Einige Abtrünnige finden sich an meinem Hals und an meinem Bauch. Das schlimmste ist der Gedanke daran, dass die Viecher an mir sitzen könnten. Ich könnte Schreikrämpfe kriegen. Aber haben sie erstmal angedockt, ist es gar nicht mehr so schlimm. Es heißt nur aushalten und die Egelchen irgendwann wieder abmachen. Am besten gehen sie ab, wenn man sie mit Salz betäubt. Ein Beutel mit Salz gefüllt, gehört auf jeden Fall zur Ausstattung. In Mohare Danda angekommen, sitze ich auf den Stufen vor dem Gemeindehaus und tupfe vorsichtig auf dem Egelfest an meinem Fuß herum, bis alle Tiere losgelassen haben. Dann heißt es warten. Warten, bis es aufhört zu bluten. Komprimieren hilft nicht. 1,5 Stunden lang blutet. Blutverdünner aus der Natur. Es soll ja gesund sein. Jetzt muss ich wirklich sehr, sehr gesund sein. 
Das Wetter ist nur zum Teil auf meiner Seite. Es ist meistens bewölkt und zwar mit den Wolken direkt um mich herum. Wo sind denn jetzt diese tollen Berge hin? Und dann plötzlich, morgens in Mohare Danda, tauchen die Gipfel wieder auf. Was ist es, was mich an diesen Bergen so fasziniert? Kaum steckt einer dieser Giganten seinen Gipfel durch die Wolken, bekomme ich Herzklopfen. Und eigentlich kann ich mir doch nichts schöneres als das Meer vorstellen. Nepal, Du brauchst ein Meer!
Nach dem Höhenerlebnis von Mohare Danda, geht es erstmal wieder bergab. Und irgendwann sind wir in Swanta. Ein unscheinbares Örtchen, dachte ich erst. Der Ausblick von meinem Zimmer ist grau. Ich kann die Wäsche auf der Leine sehen und den Garten, in dem Mais, Kohl und Kürbis (noch nicht reif) wachsen. Der Mais wir gerne gegrillt und dann als Snack gegessen. Wenn man Hunger hat, schmeckt doch alles extrem gut...

Statt Dal Bhat gibt es auch mal Dhindo, eine Pampe aus Buchweizen. Oder das gleiche aus Mais. Jeweils als Ersatz für den Reis beim Dal Bhat. Also gibt es den Brei, Linsen, Curry und ab und zu auch mal Fleisch. Mal Wasserbüffel, mal Ziege, mal Hühnchen. Aber immer sehr, sehr lecker. Mittags entweder Chapati unterwegs oder wir gehen essen. 



Ach ja, Swanta. Abends regnet es. Und zwar richtig, nicht so pillepalle Regen, wie oft in Europa. Es ist ein wahrlicher Wolkenbruch. Ich kuschel mich derweil in meinen Schlafsack und verschlafe so das meiste vom Gewitter. Als ich am nächsten Morgen aufwache, ist es hell. Heller als die Tage zuvor und direkt vor meinem Fenster stehen sie. Fishtail und andere Berge des Himalaya. Zum Weinen schön. Leider zieht es sich im Laufe des Morgens wieder zu. Aber hey, ich habe diese wundervollen Berge gesehen und die Bilder in mir gespeichert. Vor Stromausfall und Serverdefekten geschützt.

Nach dem ersten Egelangriff habe ich von dem Gemeindevorsteher in Nagi eine Flasche bekommen, deren Inhalt ich auf meine Schuhe reiben sollte. Das sollte die Tierchen abhalten, über die Schuhe an meine Beine zu kommen. Nach der 3. Behandlung scheint es auch zu klappen. Kein Blutegel saugt sich mehr an meinen Beinen fest. Allerdings merke ich auch bald, dass meine Knöchel wehtun. Hilft nix, ich muss weitergehen. Abends - dieses mal in Khopra Danda, 3660m hoch - entdecke ich warum meine Beine so brennen. Da, wo die behandelten Schuhe mit mir in Kontakt gekommen sind, wölbt sich die Haut in Blasen. Oh man, was mache ich denn jetzt mitten im Himalaya mit Terpentinverätzungen an den Beinen? Pflaster drauf und weiter, oder?! Genau. 

In Khopra Danda steht ein weiteres Gemeindehotel. Allerdings ist das gerade nicht in Betrieb. Übernachten dürfen wir trotzdem. Und was zu essen gibt es auch. Abends wird der Ofen angemacht und die Schuhe können trocknen. Plötzlich ist es kalt. Was so ein bisschen Höhe doch ausmacht. Auch hier regnet es wieder die ganze Nacht und am nächsten Morgen zeigen Fischtail und Annapunra South, dass sie auch noch da sind. Ein würdiger Abschluss der Wanderung. Denn jetzt geht es nur noch bergab und zwar wieder mal Treppen. Puuh... 2500m bergab und mit jedem Meter wird es wärmer und feuchter. Und technisch zivilisierter. Strom gab es überall, meistens aus Solaranlagen. Aber je weiter wir nach unten kommen, je mehr Strommasten gibt es. 

Soll der Urlaub jetzt zu Ende sein? Noch warten ein paar Tage in Pokhara auf mich. Aber erstmal nach Tatopani, der Ort der warmes Wasser heißt. Hier gibt es eine einbetonierte warme Quelle, wo man baden kann. Und eine Straße und morgen wohl auch einen Bus, der nach Pokhara fährt. Ab jetzt wieder blutegelfrei, dafür erfüllt von Eindrücken. Dankbar und mein Blut großzügig mit Millionen Mücken teilend, schlafe ich eine letzte Nacht zu den Geräuschen des Urwalds ein.