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24.12.2015

Kafkaesk

Da ist es schon wieder passiert. Das Jahr ist vorbei und ich weiß nicht, ob ich es gut finden soll oder nicht. Doch eigentlich ist es ganz gut, dass dieses Jahr endlich rum ist. Wenn ich das Jahr mit einem Wort beschreiben sollte, dann müsste ich nicht mal lange überlegen, 2015 ist gleichzusetzen mit Heimweh. Heimweh nach Sunnmøre, den Bergen, dem Regen, dem Meer, dem Wind und nicht zuletzt nach den Menschen. Im letzten Jahr saß ich Weihnachten voller Unsicherheit zu Hause und habe mich gefragt, wie es wohl in Trondheim ist. Vieles ist genauso geworden, wie ich es erwartet hatte, nämlich unendlich herausfordernd. Eine ganze Menge ist wirklich grauenvoll geworden und ein bisschen ist sogar ganz nett geworden. 

Nachdem Trondheim mich bis weit in den April nicht etwa mit Schnee, sondern mit Eis auf Straßen und Wegen verwöhnt hat, war es ganz kurz Frühling, dann eine Mischung aus Herbst und Winter und dann Sommer. Ich bin ein bisschen hier in den Stadtbergen und –wäldern spazieren gegangen, aber nicht wirklich zufrieden damit. Es sind ewig lange und eher langweilige Wege, geht kaum bergauf (nur vom Krankenhaus zu meinem Stall geht es die ganze Zeit bergauf, das ist aber ein anderes Thema) und Aussicht kennen die Menschen hier nur von Postkarten. 

Zum Glück hatte ich hin und wieder mal ein Wochenende frei – so denn die Dienstplanschreiberinnen das nicht vergessen hatten, geschehen im  Juli, als ich nach 26 Tagen ohne Pause arbeiten, Freitagabend auf dem Sofa saß und nicht wusste, was ich mit dem jungen Abend anfangen sollte. Der Sandmann hat mir die Entscheidung zum Glück abgenommen. An anderen freien Wochenenden habe ich meine 7 Sachen gepackt und bin entweder über Molde nach Ålesund gefahren – Urlaub für die Seele oder habe mich von den lieben Piloten von SAS nach Deutschland fliegen lassen. Kleine Oasen im Alltag, die mir in gewisser Weise zu einer Überlebensstrategie geworden sind. 

Überlebt und vor allem genossen habe ich 3 Wochen Urlaub in Armenien, dem kleinen Land zwischen der Türkei und Russland. Ein bisschen Wandern, ein bisschen Kultur, ganz viel Sonne, Gastfreundschaft und ein paar harte Landungen auf dem Boden der Realität. Nach dem Urlaub hat mich die Arbeit schnell wieder in ihre Klauen bekommen. Wobei, der Job als Oberärztin auf der Neo macht mir schon Spaß. So gesehen, ist diese St Olavs Sache ja doch ganz gut. Seit März darf ich Hintergrunddienste machen, was nichts anderes bedeutet, als dass ich einen Sklaven habe, der die Arbeit macht und mich nur dazu holt, wenn die Kinder wirklich krank sind. Diese Chance hätte ich in Ålesund so früh nie und nimmer bekommen. 

Ja und dann war plötzlich Dezember, die ersten 23 Tage sind vorbei und ich bereite mich seelisch auf 2 weitere Tage im Krankenhaus vor. Das ganze letzte Jahr war irgendwie unwirklich, kafkaesk. Ich hoffe auf ein etwas fassbareres 2016. Wo genau ich das nächste Weihnachten feiern werde, steht vorerst in den Sternen. Ich habe nicht mal den Anflug einer Idee, was im nächsten Jahr wird. 

Aber jetzt ist erstmal Weihnachten. Und auf einmal fühle ich mich ganz klein in der Welt und denke noch mal ganz anders über meine Probleme und meine Klagen nach. Habe ich es nicht doch eigentlich ganz gut? Ein Dach über dem Kopf, genug zu essen im Kühlschrank und seit 70 Jahren Frieden, das ist länger als ich mich erinnern kann. Die Grundvoraussetzungen sind mir geschenkt worden, dafür bin ich unendlich dankbar. Manchmal braucht es nur eine kleine Erinnerung – oder weihnachtlich ausgedrückt: da kommt ein kleines Kind zur Welt!

Fröhliche Weihnachten! God Jul!

24.12.2013

Und wieder ist Weihnachten

Markt und Straßen stehn verlassen,
still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend' geh ich durch die Gassen,
alles sieht so festlich aus.

An den Fenstern haben Frauen
buntes Spielzeug fromm geschmückt,
Tausend Kindlein stehn und schauen,
sind so wunderstill beglückt.

Und ich wandre aus den Mauern
Bis hinaus ins freie Feld,
Hehres Glänzen, heil'ges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen,
Aus des Schnees Einsamkeit
Steigt's wie wunderbares Singen-
O du gnadenreiche Zeit!

Ja jetzt sind Markt und Straßen verlassen. Ich glaube, sie haben es verdient nach den harten letzten Tagen vor Weihnachten. Ich habe von wahrem Chaos in den Geschäften gehört.
Umso mehr genieße ich die Stille in meinem Haus. Obwohl - Stille? Im Ofen brennt ein Feuer und macht angenehme Geräusche, draußen heult der Wind. Ich habe eben schon einen Weihnachtsspaziergang gemacht. Staunend und ein bisschen nachdenklich bin ich an den Häusern entlanggegangen. Lauter Lichter in der Dunkelheit.

Einige sind wunderschön geschmückt. Fast überall in den Fenstern scheint es warm und hell. Weihnachtsdekoration, Blumen und Lichter - so ist die dunkle Zeit erträglich.
Die norwegischen Kinder sind, wie sicher die meisten Kinder heute, aufgeregt. Einigen bin ich draußen begegnet und sie haben mir vom Weihnachtsbaum erzählt und wie sehr sie sich auf heute Abend und die weiteren Feiertage freuen. Die Großeltern kommen, das Weihnachtsessen, der Baum und die Geschenke.

Eine kleine Runde bis zum Berg bin ich gegangen, heute morgen. Hier war es ganz still. Nur hin und wieder hat ein Vogel gesungen. Ganz still lag auch der Fjord da. Nachdem es die Woche recht ausgiebig geregnet hat, haben die Berge alle eine Puderzuckerhaube bekommen. Auch nach fast 4 Jahren empfinde ich den Anblick atemberaubend. Wenn es langsam hell wird, die Sterne glänzen und die Berge sich im Fjord spiegeln, so weit und so still - diese schöne Welt.

Schnee liegt hier direkt nicht, nur auf den Bergen. Aber auch kleine Eiskristalle im Matsch können hübsch sein. Mit den Klängen vom Konzert des letzten Wochenendes im Ohr, dem Weihnachtsoratorium, breitet sich in mir ein Gefühl von etwas besonderem aus. Weihnachten, gnadenreiche Zeit!

Weihnachten ist und bleibt es etwas besonderes, vielleicht ist der Wortlaut nach 150 Jahren ein bisschen anders. Aber das Weihnachtsgefühl bleibt. Auch wenn ich  nicht so feiern werde, wie die meisten anderen, sondern im Krankenhaus bei den kleinsten der Kleinen wachen, ist mir ein bisschen weihnachtlich. In meinem Wohnzimmer steht der geschmückte Weihnachtsbaum, ein Beispiel für gelungene Inklusion und ich habe dieses Weihnachtsgefühl in mir. Dieses erst leichte, dann immer stärker werdende Gefühl, dass dieses eine besondere Zeit ist - eine gnadenreiche Zeit!