Posts mit dem Label Sowjet werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Sowjet werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

01.10.2015

Kloster, Kirchen und Kapellen

Als ich frisch aus Nepal zurück war, hatte ich nur ein Ziel. Möglichst schnell wieder auf einen, am besten hohen, Berg zu kommen und tagelang zu wandern, ohne dabei ein Auto zu sehen. Armenien schien sich anzubieten. Nicht immer ist alles so, wie es auf den ersten Blick aussieht. Die Wanderwege in Armenien sind ja nicht unbedingt Wanderwege. Einige gibt es eigentlich gar nicht und andere sind eher Landstraßen. Dazwischen sind aber auch wundervolle Hirtenpfade, die fernab von Autos und Internet auf die Berge führen. 

Und neben den Bergen, die mal hoch und steil, mal grün und hügelig sind, stehen immer wieder Kirchen und Kapellen, die zu den vielen (inzwischen verlassenen) Klöstern des Landes gehören. Armenien ist als erstes Land der Welt christlich geworden. Damals im Jahr 301 hat der armenische König kurzerhand bestimmt, dass sein Land von nun an christlich sein soll. Hat gut geklappt, denn heute, knapp 1700 Jahre später, wimmelt es im Land von christlichen Kirchen, Klöstern und Kapellen. Die meisten sind wohl schon etwas älter und werden zum Teil anderweitig genutzt, aber insgesamt prägt ein sehr christliches Bild das Land.

Eines der bekanntesten Kloster liegt in Geghard, gar nicht weit von Yerevan entfernt. Heute wird die Kirche von Unmengen Touristen besucht - klar, so dicht an der Stadt und ab und zu darf wohl auch mal jemand hier heiraten oder sein Kind taufen lassen. So richtig habe ich das Prinzip aber nicht verstanden. Als ich die Klosteranlage in Noravank besucht habe, kam da gerade so eine Taufgesellschaft, um ihr Baby taufen zu lassen. Völlig unbeeindruckt haben andere Touristen und Besucher sich weiter die Kirche angeguckt. Einfach anders, als ich es gewohnt bin.

Die Klöster von Haghpat und Sanahin sind weniger bereist. Sie liegen etwas dezentralisiert, fernab von der großen, quirligen Hauptstadt. Ich bin mit einer Reisegruppe dorthin gefahren. Auch mal eine Erfahrung. Morgens in einem kleinen Bus los, durch das halbe Land. Immer wieder wird der Unterschied zwischen den reichen Städtern und der eher armen Landbevölkerung deutlich. Ja ok, die Menschen leben schon in Häusern. Aber viele Autos habe ich nicht vor den einfachen Häusern parken sehen, dafür Eselkarren und getrockneten Mist, der als Brennstoff dient. Die Umgebung wird auf dem Weg nach Haghpat immer "sowjetischer". Es ist wie schon vorher häufiger. Irgendetwas löst in mir das Gefühl von Sowjetzeit/DDR aus. Merkwürdig... Dazu kommt eine trollske Stimmung mit Nebel und Nieselregen. Es passt gut zusammen. Das Kloster von Haghpat steht auf der Weltkulturerbeliste der UNESCO. Es ist schon lange nicht mehr als Kloster in Betrieb, aber ab und an verirrt sich doch ein Tourist hierher. Der Ort an sich ist auch sehr speziell. Vielleicht hätte ich den eher auf die Welterbeliste gesetzt? Es gibt ein Oberdorf und ein Unterdorf. Eigentlich genau wie in Helgoland mit dem Oberland und dem Unterland. Nur hier gibt es keinen Fahrstuhl, der die beiden Ortsteile verbindet, sondern eine Seilbahn. Ursprünglich wurde die gebaut, um die arbeitenden Männer aus dem oberen - dem Wohnstadtteil - in den unteren - den Arbeitsstadtteil - zu befördern. Heute leben auch "unten" Menschen. Unten ist tief in einer Schlucht. Ob die Menschen hier jemals den Himmel sehen weiß ich nicht. Dichter Dunst, vermutlich nicht nur Nebel, sondern auch andere Schwebstoffe, verschleiern die Luft. So für einen halben Tag faszinierend, aber für länger?

Aber das Kloster, ja. Also nicht mehr als Kloster in Gebrauch. Mäßig gut erhalten.Hier und da hat sich die Natur zurückgeholt, was ihr vor vielen hundert Jahren mal genommen wurde. Es wachsen also Kletterpflanzen durch das Dach. Ich mag das ja leiden, auch wenn es nicht so gut für die Bausubstanz ist. Insgesamt ein recht großer und gepflegter Komplex, der in einen ganz normalen armenischen Friedhof übergeht. Auch wenn das Kloster nicht mehr als Kloster genutzt wird, wird die Kirche doch von der heimischen Bevölkerung genutzt. Gottesdienste sind hier ganz anders, man scheint kommen und gehen zu können, wie es einem passt und Interaktion zwischen Pastor und Gemeinde gibt es nicht. Aber Kinder werden in der Kirche getauft, Paare werden getraut und Tote beerdigt. Ich schlendere über den Friedhof und genieße, dass es anders ist, als die nordeuropäischen Friedhöfe. Die Grabsteine zeigen in der Regel das Bild des Verstorbenen. Gerne in einer Alltagssituation. Nicht immer steht Geburts- und Sterbedatum dabei. Und damit die Toten nicht weglaufen oder die bösen Geister auf dem Friedhof bleiben und nicht ins Dorf können (oder ganz simpel, damit die Schafe und Ziegen nicht auf dem Friedhof herumtrampeln) sind um viele der Gräber Zäune. Einige Familien konnten sich keinen adäquaten Zaun leisten und haben deswegen die Bettpfosten der Oma um ihr Grab gestellt. Ein bizarrer Anblick...


Auch das Kloster in Sanahin liegt auf einem Berg und wird nun mehr als Gemeindekirche benutzt. Besonders fasziniert hat mich der ehemalige Vorratsraum. Dort sind eine Art alte Kühlschränke eingebaut. Also Löcher im Boden, wo die Mönche ihr Essen aufbewahren konnten. Dort zu stehen ist so unwirklich. Im Nebenraum sind Priester und Mönche beerdigt. In früheren Zeiten wurden die Klosterangehörigen in der Kirche beerdigt. Da es damals üblich war, sich die Schuhe vor dem Betreten des Klosters auszuziehen, konnten sich die Mönche und Priester sicher sein, dass damals niemand mit Schuhen auf ihren Gräbern herumläuft. 

Jedes armenische Kloster hat seine großartigen Besonderheiten und alle haben etwas ähnliches. In allen stehen Kreuzsteine, die an große heilige Menschen, Taten und Orte erinnern. Und in allen Klöstern und Kirchen ist der Altarraum erhalten und weiterhin als solcher zu erkennen. Fast überall lag ein Altartuch auf dem Altar. Und das nicht schon seit 1700 Jahren, sondern aller höchstens seit ein paar Tagen. 
In einer Kirche habe ich mit einer Mischung aus Neugier und Erschrecken beobachten dürfen, wie eine Frau dem Priester ein Huhn gab, das er bitte opfern sollte. Eine andere Welt hier.

13.09.2015

Ein bisschen Sowjetzeit ist geblieben

Jahrzehnte lang hat Armenien zur Sowjetunion gehört. Das hat die Menschen deutlich geprägt. Auch heute noch ist Russland ein wichtiger, wenn nicht sogar der wichtigste Verbündete in der Welt. Die Armenier sehen in der Sowjetzeit die gute alte Zeit. Alles war besser damals. Tja, vielleicht war von außen gesehen nicht alles besser, aber für den einzelnen hatte die Rigidität der damaligen Zeit bestimmt was gutes. Die Analphabetenrate unter der "Erwachsenen" Bevölkerung ist erstaunlich gering, die meisten sprechen nicht nur Armenisch sondern auch Russisch. Gratis Schule für alle, eine solide Gesundheitsversorgung und einen (schlecht) bezahlten Job. Und dann kam die Wende, bzw. hier ja die Auflösung der Sowjetunion. Plötzlich haben die Menschen ihre Arbeit verloren, hatten keine Chance mehr auf Bildung und mussten plötzlich für die Gesundheitsversorgung selber aufkommen. Kein guter Tausch. Dass die dauernde Bespitzelung mit dem Zerfall der Sowjetunion ebenfalls aufgehört hat, wird geflissentlich übersehen. Viele junge Männer arbeiten - schwarz natürlich - in Russland auf Baustellen. Im Winter sind sie in Armenien und unterstützen die Heimbrennerei.

Nicht nur in den Köpfen, sondern auch in der Öffentlichkeit ist ein bisschen der Sowjetzeit geblieben. Es gibt ein UDSSR-Eis, Vanilleeis mit Schokoladenüberzug, essbar, aber nicht so lecker. Und die Stimmung in den kleineren Städten ist irgendwie wie in der DDR damals. Ich weiß auch nicht so genau warum. Als ich in Jermuk abends durch die Stadt geschlendert bin, kam es mir vor, als würde ich durch Neubrandenburg direkt nach der Wende laufen. Klar, die Häuser haben eine wunderliche Farbe, ein bisschen grau, aber doch nicht grau. Vielleicht ist es auch die Architektur oder der Aufbau der Stadt. Ich habe keine Ahnung. Es ist surreal...

In den meisten Orten sind Geschäfte, Apotheken und vor Autowaschanlagen nicht nur auf Armenisch, sondern auch auf Russisch ausgeschildert. Ich glaube, als Russe in Armenien Urlaub zu machen ist ne gute Idee.
Selbst beim Essen muss "der Russe" sich nicht umstellen. Zumindest gibt es in den großen Supermärkten ein reichhaltiges Angebot von Lebensmitteln mit russischer Beschriftung. In den Supermärkten ist die Zeit übrigens nicht stehen geblieben. Hier ist der Kommunismus längst in Vergessenheit geraten. Die Auswahl ist überwältigend. 5 Jahre real gelebter norwegischer Sozialismus mit staatlich regulierten Erscheinungsdaten für neue Waren haben ihre Spuren hinterlassen. Ich verbringe mehr als eine Stunde im Supermarkt und staune. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Neben einer reichlichen Auswahl an diversen alkoholischen Getränken, hat jeder Supermarkt eine Süßigkeiten Abteilung, die mich verführerisch anlächelt. Trotz gesteigertem täglichen Konsum, habe ich es am Ende des Urlaubs nicht geschafft, alles probiert zu haben.

07.09.2015

Tja und nun?

Statt den Tag zu Fuß zu beginnen, steige ich in ein Auto. Mmhh, das wollte ich so eigentlich nicht. Aber vielleicht nicht ganz so doof, wenn wir am Sevan-See entlang wandern wollen. Nach etwas mehr als einer Stunde auf guten Straßen sind wir da. Rechts liegt der See, links dass was ich als Urlaubsidyll mit Sowjetcharme bezeichnen würde. Es ist, sagen wir, eine visuelle Zeitreise. Surrealistisch, das trifft es vielleicht am besten. Wir fahren aber nicht zu den Hotels, sondern zum Kloster, das auf einer Halbinsel im See liegt. Früher lag das Kloster mal auf einer Insel. Aber der Wasserstand des Sees ist so enorm gesunken, dass man jetzt trockenen Fußes zum Kloster kommt, ganz ohne Boot. Kurzer Irritationsmoment meinerseits, als ich meinen Guide frage, warum denn der Wasserstand gesunken ist. Die Erklärung: naja für die Bewässerung der Felder. Ja, soweit kann ich folgen. Schnell schiebt er ein, dass der Pegel seit Jahren stabil sei, weil man das Wasser aus anderen Flüssen nimmt. Vornehmlich aus Flüssen, die in die Türkei oder nach Aserbaidschan fließen. O-Ton Guide: dann haben nämlich nicht wir (Armenien) das Problem, sondern die anderen. Nee, ist klar.
Na gut, durchatmen, ich kann die Welt nicht so ohne weiteres retten. Aber das Kloster angucken, das kann ich. Auch hier, komme ich erstmal in einen Vorraum. In armenischen Klöstern heißt der Gavit. Und dann in die Kirche. Die Kirche ist schlicht. Der Altarraum ca 1m höher als das Kirchenschiff und mit einem Vorhang abgetrennt. Die Leute stehen in der Kirche. Ohne es zu wissen, bin ich in einen Gottesdienst gelaufen. Hinter dem Vorhang wird scheinbar gebetet. Die Gemeinde bekreuzigt sich hier und da, aber nicht synchron. Und immer wieder laufen Leute rein oder raus. Komisch, ziemlich ungewohnt und ganz tief im innersten finde ich es irgendwie unpassend. Aber auch ich schleiche mich aus der Kirche, in der übrigens auch während des Gottesdienstes fleißig Kerzen verkauft werden. Das Kloster liegt auf dem Hügel, scheinbar mitten im See, wenn man von der Straße absieht. Plötzlich läuft eine ganze Herde Priester oder Mönche an mir vorbei. Ich dachte, hier gäbe es kein aktives Klosterleben mehr. Zumindest können die nicht hier wohnen, denn das was von den Schlafsälen und Arbeitsräumen erhalten ist, sind im großen und ganzen die Grundmauern. Nein, die wohnen nicht direkt hier, sondern in der Priesterschule im Ort. 
Beim Spaziergang durch das Gelände, sehe ich das Sommerhaus des Vereins sowjetischer Schriftsteller, oder so ähnlich. Und dann einen Zaun. Dahinter liegt das Sommerhaus des Präsidenten. 
Dann ziehen wir weiter, zu einem kleinen Berg. Nach einer guten Stunde querfeldein durch Disteln und Gestrüpp sind wir oben. Es ist windig und diesig. Mmmh. Picknick und wieder runter. Naja, ist ja erst der erste Wandertag, das wird noch besser. Wir fahren nach Dilijan, plötzlich ist es bewaldet und die Atmosphäre im Ort eine ganz andere. Hier soll man im Winter sogar Skifahren können. Na dann...