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06.07.2016

So dicht an Tibet war ich noch nie

In Lo Manthang alleine gibt es viel zu sehen. Einen ganzen Nachmittag verbringe ich mit einer spannende Reisegruppe damit, die Kloster und den Königspalast zu bestaunen. Wir werden am Kloster vom Chefmönch abgeholt. Er erzählt vor allem über die Schule und seine Mönchskinder. Irgendwie kommt mir das bekannt vor... Die Schule hier ist für die Region recht groß und wird von westlichen Spendern unterstützt. Sonst, erzählt der Abt, könnten sie den Kindern keine Kleidung und kein warmes Essen geben im Winter. 

Rund um die Innenstadt von Lo Manthang ist eine 6m hohe Mauer gebaut. Die Mauer hat dem Erdbeben stand gehalten, während einige der anderen Gebäude deutlich Spuren des Bebens tragen. Hier haben die Menschen anderes zu tun, als sich um den Wiederaufbau zu kümmern. Auch wenn der Tourismus mehr oder weniger explodiert ist in den letzten 10 Jahren, kämpfen die Menschen doch jeden Tag für das wesentliche: einen vollen Bauch und ein warmen Platz zu Schlafen. Wenn dann noch Energie übrig ist, werden Kunstwerke gefertigt, in der Schule gelernt und Häuser gebaut. Der Abt auf jeden Fall, ist Stolz auf sein Kloster und seine Schule. Sein Ziel ist es, dass jedes Kind in Lo Manthang lesen und schreiben lernt - und natürlich die Grundzüge des Buddhismus, der hier den Alltag deutlich prägt. 

Insgesamt 3 Klöster dürfen wir uns angucken. Eines ist nicht mehr im aktiven Klosterbetrieb und ziemlich verstaubt, ein anderes wird gerade von der EU restauriert. Hier sitzen Männer und Frauen auf abenteuerlichen Gerüsten (wenn das mal die Geldgeber wüssten...) und malen mit winzigen Pinselchen die Wandgemälde neu. Der ganze Prozess ist in Wahrheit noch komplizierter. Zuerst werden die detailreichen Figuren nämlich abgepaust,dann auf übertragen, um erst dann wieder an die Wand gebracht zu werden. 
Fasziniert von der Fremdheit der heiligen Stätten gucke ich mir alles an. Auch nach vielen Erklärungen und einigen Besuchen werden mir buddhistische Tempel nicht vertrauter. Oder doch, ein bisschen schon. Ich weiß um einige Rituale und kenne die Bedeutung einiger weniger Symbole. Aber der Buddhismus an sich, wird mir dadurch nicht vertrauter. 

Ein langer Tag mit Erkundungen in Lo Manthang geht zu Ende und ich freue mich nach einer herrlichen Massage, die meinen rucksacktragenden Schultern wirklich gut getan hat, auf einen neuen spannenden Tag.

Der neue Tag soll mich nach Chhoser bringen. Ein Dorf, etwa 2 Stunden Richtung Tibet. Dort gibt es Höhlen, die ich besichtigen kann und ein weiteres Kloster. 
Der Weg ist leicht zu laufen und der Rucksack fast leer. Nachmittags werde ich wieder in Lo Manthang sein, ich muss also nichts weiter mitnehmen als Wasser und Kamera. Nach knapp 2 Stunden auf staubigen Wegen, immer mal ein bisschen rauf und runter, sind wir in dem Örtchen, das so dicht an Tibet ist, dass ich fast hinspucken könnte. Hier ist alles für die Touristen hergerichtet. Es gibt schöne Wegweiser und ein Restaurant/Souvenirgeschäft/Café. Als erstes geht es zum Kloster. Dort findet gerade eine Zeremonie statt (ein Gottesdienst, eine Andacht??). Ich werde schnell eingeladen, mich dazu zu setzen. Ein junger Mönch bringt mir eine Schale mit Gebäck. Am ehesten schmeckt es, wie sehr, sehr gut frittierte Hirschhörner. Süß und fettig, sehr knusprig und vielleicht nicht gerade von heute morgen. Aber schmecken tut es trotzdem. Ich versuche dem Ablauf zu folgen, was mir natürlich nicht gelingt. Wo soll ich denn zuerst hingucken?

Alle 10 Mönche sitzen entlang der Wände des winzigen Raumes. Die Buddha Statue am Kopfende des Raumes ist mit einer Neonröhre beleuchtet. Einer der Mönche rezitiert in ein Mikrofon. Er scheint eine leitende Funktion zu haben. Die anderen fallen in den Singsang mit ein, blättern hier und da in ihren tibetischen Büchern und singen zumeist mit geschlossenen Augen. Hin und wieder gucken die Jungs auf ihr Handy, kichern und essen ein paar Kekse. Dann geht einer herum und schenkt frischen Tee ein. Eine gute Stunde folge ich dem, was ich für einen Gottesdienst (also das buddhistische Äquivalent) halte und lasse das Fremde, was mich mit soviel Energie für den Alltag füllt, auf mich wirken. 
Vor dem Kloster treffe ich auf eine alte Frau. Sie sieht unsagbar alt aus, das Gesicht von tiefen Falten durchfurcht, die Augen trüb. Sie trägt eine tibetische Tracht, die ihre besten Tage schon hinter sich hat. Um ein Foto machen zu dürfen, soll ich ihr Geld geben. Ich gebe ihr den kleinsten Schein, den ich habe (10 Rupees), das ist in etwa das, was sie am Tag verdient. So sind wir am Ende beide zufrieden. Ich, weil ich ein schönes Foto gemacht habe, mein Modell, weil sie schon am Vormittag so viel verdient hat, wie sonst erst am Abend. Das Mittagessen für diesen Tag ist gesichert. 























Ich will weiter zu den Höhlen. Nur 10 Minuten ins Tal hinein ist eine kleine Treppe in den Fels gebaut. Nach einer Weile kommt ein kleiner, dünner, betrunkener Mann und schließt die Tür auf. Ich darf raufklettern und bin auf der einen Seite fasziniert, auf der anderen Seite enttäuscht. Es sind Höhlen, ja. Aber da ist irgendwie nichts mystisches, nichts geheimnisvolles, nichts spannendes beim Durchgehen. Die Geschichten von den tibetischen Freiheitskämpfern, die sich hier vor einem halben Jahrhundert versteckt haben, die finde ich spannend. Und auch die tibetischen Mönche, die vor vielen hundert Jahren, diese Höhlen zum meditieren genutzt haben sollen. Aber wer die Höhlen, die zum Teil 50m hoch in die senkrecht aufragende Felswand gebaut sind, gegraben hat, bleibt vorerst ein Geheimnis. 

Nach einer Tee-und-Mango-Pause in dem urigen Café, geht es zurück. Das erste mal umkeheren... In dem Café/Laden/Restaurant gab es allerlei spannendes zu kaufen. Tuborg Bier, wie überall, Nutella, Fake Money, Becher, Eier, tibetische Schuhe, Nike Schuhe, Seife und Nudeln. Chinesische Süßigkeiten, Cola, scharfe Sauce, Waschmittel, Vorhängeschlösser, Kekse, Snickers und Werkzeug. Und sicher noch sehr viel mehr, wenn ich nachgefragt hätte. 

Auf dem Weg zurück, machen wir einen kurzen Stopp im Mustang Museum. Eine Familie hat ein paar Artefakte gesammelt und sie in eine Vitrine gelegt. Die Vitrine steht allerdings etwas abseits in einem Lagerraum. Die Exponate hätten durchaus einen anderen Platz verdient. Beschwingt und zufrieden mit dem Tag, trotz des traurigen Museums, geht es zurück nach Lo Manthang. Dort warten die Hotelbesitzer schon mit frischen Momos auf mich.

14.08.2014

Vielleicht doch ein bisschen Tibet?

In Koto lerne ich das erste mal die gesamte Prozedur des Registrierens. Pass, Permit, special trekking permit for restricted areas und ne Menge Geduld braucht man. Da sitzt ein Beamter in seinem Kontrollhäuschen (und 2 gucken ihm dabei zu, während 4 den beiden beim Zugucken zugucken…) Der Kontrollbeamte macht sich einen Vermerk in sein Buch (dauert 3 Sekunden) und dann dürfen wir offiziell eintreten in das Nar-Phu-Valley. Erstmal geht es steil bergab, in einen dichten Nadelwald. Die Luft ist angenehm klar und es riecht nach frischem Holz. Herrlich. Neben dem rauschenden Bach oder reißenden Fluss laufen wir eine Stunde gemütlich entlang. Dann riecht es irgendwie nicht mehr so wie vorher. Eklig, aber fremdvertraut und doch irgendwie gut. Was ist das? Der Geruch ist graugelb, aber ich komme nicht drauf, was es ist. Bis Pasang mich fragt, ob ich einen kleinen Schlenker zu den heißen Quellen machen möchte. Klar, da kam der Geruch her. Eklig, fremdvertraut und doch irgendwie gut. Hängen viele gute Erinnerungen dran, an diesem Geruch. Wir lassen das Gepäck am Weg stehen und klettern über die Steine im Fluss. Dann dampft es. Richtig baden finde ich ein bisschen gefährlich, weil der Fluss wirklich reißend vor sich hin strömt. Aber auf einem Stein sitzen und ein Fußbad, das geht. Kokoscandy und Schokolade teilend sitzen wir da so auf den Steinen, gucken den Adlern in der Luft zu und genießen das Hier und Jetzt. 

Nach einiger Zeit sind die Füße ganz schrumpelig und wir klettern wieder zurück. Der Weg geht weiter durch die enge Schlucht. Ich habe das Gefühl, nur bergab zu gehen. Dabei soll unser Ziel, Meta, doch 400m höher liegen als Koto. 

Auf dem Weg begegnen wir einigen Maultierkarawanen. Die tragen das Holz aus der Schlucht in die Zivilisation. Holzabbau ist hier nur während der Monsunzeit erlaubt.  Ich hoffe, die Leute halten sich dran. Denn der Wald ist beeindruckend. Der Weg ist angenehm zu gehen. Einmal führt er sogar hinter einem Wasserfall vorbei. Andere Abschnitte klammern sich an die Felswand, führen unter Überhängen durch und sind ein bisschen abenteuerlich. Zum Mittag, heute haben wir Chapati, Ei und Käse mit, setzen wir uns in die Sonne. Die Landschaft ist karg, trotz der Bäume. Heller Sand und Pflanzen, die ich noch nie gesehen habe. Es gefällt mir.

Nach der Mittagspause gehen wir noch ein Stück auf relativ ebenem Grund, bevor es plötzlich steil bergauf geht. Warum genau wollte ich noch mal so einen Urlaub machen? Hatte ich nicht vorher schon vermutet, mich für die Entscheidung einen Wanderurlaub in den Bergen machen zu wollen, zu hassen? Ich bin kurz davor. Der Berg will nicht enden, meine Motivation ist so deutlich zu sehen, wie die Gipfel des Himalayas – nämlich gar nicht. Langsam kämpfe ich mich, Stück für Stück weiter. Nach einer schier endlosen Stunde zeigt Pasang auf weiße Fahnen (eigentlich Schals, aber von hier sieht es aus wie Fahnen). Da wollen wir hin. 20 Minuten später erreichen wir tatsächlich diese weißen, flatternden Wimpel. Die Bewohner von Meta haben hier eine Gedenkstätte errichtet. Hier kann man einen weißen Schal um die Chorten binden und an die Toten denken. Nach einer großzügigen Portion Schokolade finde ich den Ort hinreißend. Irgendwie fühle ich mich magisch verbunden. Merkwürdig und absolut unabhängig von der Schokolade, die meine Laune deutlich gebessert hat. Und dann geht es schnell, bis wir in Meta sind. Der Ort besteht aus dem „Hotel“ und wir sind die einzigen Gäste. Die Menschen hier sind Tibeter, die die auf der nepalesischen Seite der Grenze leben. Willkommen in Tibet. Also doch ein bisschen Tibet. Es ist perfekt warm, ein bisschen windig und die Sonne scheint. Ich bekomme eine Tasse Tee und setze mich draußen auf die warmen Steine. Um mich herum höre ich den Wind und die Glocken der Pferde und Maultiere. Auf der anderen Seite der Schlucht ist ein Kloster. Am Ende des Tals ist Tibet. Und in die Richtung wollen wir morgen gehen. Und wieder einmal denke ich an Goethe, hätte er seinen Faust hierher geschickt, die ganze Nummer mit Gretchen hätte nicht sein müssen. Hier ist der Augenblick so schön, dass ich Tränen in den Augen habe. Bitte, bitte geh nicht vorbei, lieber Augenblick. Irgendwas zieht mich zu diesem Gedenkplatz zurück. Gemütlich spaziere ich dort hin und denke an alle die, die schon tot sind und nicht mehr hier her kommen können.  Dem Himmel so nah, vielleicht ist es das Gefühl, was in mir herrscht. 

Und Hunger, das Gefühl lässt sich auf jeden Fall leichter beschreiben. Kein Wunder, dass ich Hunger habe. Die letzte Mahlzeit ist schon wieder einige Stunden her. Ich gehe in die Küche, wo schon einige Leute sitzen und Tee trinken. Ein bisschen Bilder zeigen und meine Nepalikenntnisse präsentieren (Ich kann meinen Namen sagen, wo ich wohne und dass auf den Bildern das Meer ist und natürlich, dass ich das Essen mag, ganz wichtig.) und schon bin ich irgendwie mittendrin statt nur dabei. Ich fühle mich herzlich aufgenommen in dieser eigenartigen Familie, zu der auch die Arbeiter, die hier werklen, gehören. Auf dem Herd zischt der Reis im Dampfkochtopf, die Linsen und der Spinat sind auch gleich fertig. Als erstes bekomme ich mein Dal Bhat. Linsen und Reis und heute Spinat. Lecker. Dazu Chilipaste, jede Hausfrau hat da ihr eigenes Rezept. Dann bekommen die Männer ihr Essen und die Frau muss mit den Resten vorlieb nehmen. In diesen kurzen Moment hasse ich diese Welt. Als würde die Frau weniger arbeiten. Blöde Gesellschaft. Und trotzdem sind alle guter Dinge. Es ist genug zu essen da, es reicht sogar noch für die Hühner, die ab und an mal neugierig in die Küche kommen. Nach einer weiteren Runde mit Tee, macht sich einer nach dem anderen auf den Weg ins Bett. Ich lebe ein bisschen mit der Sonne. Aufstehen zu Sonnenaufgang, ins Bett gehen mit Sonnenuntergang. Also um 20 Uhr. 

Am nächsten Morgen – gegen 6 Uhr – habe ich wieder Hunger. In der Küche ist schon ordentlich was los. Auf dem Herd stehen eine Pfanne und ein Kessel. Klar, Tee muss sein. Und Chapati bäckt man in der Pfanne. Ich darf Chapati ausrollen (ungesäuertes Brot, besteht nur aus Mehl und Wasser). Ein bisschen zäh der Teig beim rollen, aber nach ein paar kreativen Formen, klappt es mit dem runden Brot. Schnell sind die Brote gebacken, ein bisschen nachrösten direkt in der Glut. Und dann wird plötzlich Öl in die Pfanne gekippt? Und neue Teigstücke reingelegt. Aha?! Ahh, es ist tibetisches Brot. Das wird frittiert. Bevor ich Pain frittes esse, hätte ich gerne einen Tee. Biiiiittteeeee. Ja, Tee ist in Arbeit. Aber der muss noch ziehen. Ich hypnotisiere die Kanne, zieh schneller. Dann scheint der Tee fertig gezogen. Auf jeden wird die Kanne vom Herd genommen und der Inhalt in ein hohes Gefäß gekippt, sieht aus wie ein Köcher. In meinem Kopf breiten sich Fragezeichen aus. Dann kommt weißes Pulver dazu. Milchtee? Ok, lecker. Und dann noch ein paar Klumpen von etwas gelb-braunem. Zucker? Klar, der Milchtee soll ja süß sein. Außen am Köcher ist eine Art Schlaufe dran. Die Hotelbesitzerin stellt sich in die Schlaufe und steckt eine Art Quirlstopfen in den Köcher und mixt den Tee durch. Nun denn, ich bin offen für neue Techniken, aber das ist doch wirklich sehr kreativ. Einen Augenblick später gießt sie den Tee in die Kanne, die schon auf dem Herd steht. Noch mal kurz aufkochen und dann bekomme ich den heißen Tee in meinen Becher. Guten Morgen, lieber neuer Tag. Jetzt kannst Du losgehen. Ich puste in den heißen Tee und habe in Gedanken schon den süßen Geschmack von Gewürzen auf der Zunge. Sehr hübsch ausgedrückt, bin ich überrascht als sich statt der süßen Gewürze, der Geschmack von leicht salzigen, müffelnden Käsesocken in meinem Mund ausbreitet. Was zum Geier … Tibetischer Yakbuttertee. Ein neuer Punkt auf meiner kulinarischen Erlebnisliste. Übrigens gehört es sich, dass der Becher immer wieder vollgeschenkt wird, wenn man ihn zur Hälfte leer getrunken hat. Hat einige Runden gedauert, bis ich das verstanden hatte. 

Gut gestärkt geht es durch den dichten Nebel Richtung Tibet. Irgendwann am Vormittag macht es plötzlich *pling* und die Sonne scheint vom blauen Himmel. Kan Garu, lugt vorsichtig hinter den Wolken hervor und begleitet uns ein Stück. Am Wegrand grasen Yaks. Ich fühle mich wie in einem Traum, einem Wunschtraum. Trotz der regelmäßigen Pausen, sind wir fix unterwegs, finde ich. Die Landschaft ist abwechslungsreich. Erst glaube ich, ein bisschen Alpenhochland zu sehen, dann Kalahari Wüste, dann Colorado. Alles ein bisschen, nichts passt richtig. Es ist und bleibt tibetisches Hochland. Halt nur auf der anderen Seite der Grenze. Scheinbar gehen wir bergauf, denn die Bäume verschwinden und weichen kurzen, dornigen Sträuchern. Am frühen Nachmittag stehen wir vor einem Tor. Dem Eintrittstor zum Phu-Tal. Man kann die Tür zumachen, hilft allerdings nur gegen weglaufende Ziegen, die Türen nicht öffnen können. Inzwischen wachsen am Wegesrand nur noch vereinzelte Sukkulenten. Und dann ist es da. Das Dorf in der Felswand. Ich kann das Gefühl nicht beschreiben. Ich stehe mitten im Nichts. Um mich herum heller Sand und hohe Berge aus braunem Stein. Und vor mir liegt ein Dorf in den Berg gebaut. Tief einatmen, das ist die Wirklichkeit. Unser Hotel ist „einfach“, aber es reicht. Die Matratze ist vielleicht 0,5cm dick. Dann musste das arme Maultier wenigstens nicht so viel tragen. Jetzt erstmal ne Teepause. Was für Tee ich denn möchte. Milchtee, danke!

Wir laufen gut gestärkt mit Tee und Schokolade durchs Dorf. Ein kleiner Junge zeigt uns ein altes Kloster. Hier wohnen keine Mönche mehr und zum Beten kommt auch keiner mehr hierher. Dennoch ist der Ort so heilig, dass man ihn nicht verändern will. Mit eiskalten Füßen und vor Ehrfurcht zitternden Händen stehe ich in einem kleinen Gebetsraum und verbeuge mich vor den Buddhafiguren. Tief bewegt gehe ich nach einer Weile weiter. Das Dorf besteht aus vielen engen Wegen, die über abenteuerliche Treppenkonstruktionen rauf und runter führen. Auf dem Weg durch die schmalen Gassen, treffen wir eine alte, krummbuckelige Frau. Sie ist neugierig, wer ich bin und wo ich herkomme und was ich hier mache. Pasang übersetzt. Wir werden eingeladen zum Tee trinken. Puuh Milchtee, Glück gehabt. Hätte ich doch bloß mehr als ein Schächtelchen Lakritz, was ich ihr schenken könnte. Sie freut sich über das Ifa, so richtig ehrlich, nicht nur weil es sich gehört. Ob wir vielleicht das große Kloster sehen wollen. Sie muss eh noch hin, dann kann sie uns aufschließen. Na klar will ich das. Ich versuche diesen Kopftragekorb zu tragen. Boah, da ist fast nichts drin und ich kapituliere freiwillig nach wenigen Metern bergauf. Puuh, die Nepali tragen 25-35kg darin und das über viele Kilometer und bergauf und bergab. Mein Respekt steigt ins unermessliche. 20 Minuten später sind wir am Kloster und dürfen im Hauptgebetsraum eine Yakbutterkerze anzünden. Ich lerne mich „richtig“ zu verbeugen. Dann darf ich gucken. Alles ist bunt und ein bisschen naiv gemalt. Buddha sitzt wieder vorne und meditiert. Mein Kopf ist voller neuer Eindrücke. Wir schlendern ein bisschen durch den Klostergarten und gucken die vielen Mani-Steine an. Es ist ein bisschen bewölkt und nieselig als wir zurückgehen.

Im Hotel wird schon das Abendessen vorbereitet. Dal Bhat, was auch sonst. Der Hotelbesitzer zeigt uns einen Film, in dem sein Bruder die Hauptrolle spielt. Sein Bruder ist Guide und war schon über 50x auf dem Mount Everest. Er hält den Rekord im „oben ohne“ auf dem Berg stehen. Ich glaube, es waren 4,21 Minuten.

In der Nacht regnet es. Der Regen prasselt auf die dünnen Holzplanken und spielen so eine schöne Schlafmusik. Am nächsten Morgen geht es nicht „weiter“ sondern zurück. Schade. Auch wenn ich mich auf die Herausforderungen freue, die da auf mich warten. Der Regen der Nacht ist weggeblasen und wir laufen in der warmen Sonne. Phu liegt übrigens ca 4000m hoch. Das erste Symptom von Höhenkrankheit soll Appetitlosigkeit sein. Entweder es funktioniert bei mir umgekehrt, nämlich dass ich immer Hunger habe. Oder ich habe einfach keine Höhenkrankheit. Leichtfüßig gehen wir durch das Tal zurück. Gehen über Hängebrücken und auf schmalen Wegen. Kurz bevor mein Bauch Mittag verkündet, biegen wir ab. Wir wollen ja nicht ganz zurück nach Meta, sondern nach Nar. Durch weißen, feinen (rutschigen) Sand bis zu Hängebrücke, die hoch oben über der Schlucht thront und doch nur 3400m über dem Meer liegt. Nach einem kleinen Rundgang durch  das Kloster, flezen wir mit einigen Ziegen in der Sonne und genießen das mitgebrachte Mittagessen. Chapati und Kitkat. Eier gab es heute nicht. Und dann geht es bergauf. Nar liegt 4100m hoch. Jippih! Erstaunlich schnell und unanstrengend. Ich bin überrascht. Soll das so ein? Ehrlich, sind wir schon fast da? Oben erwarten uns eine Wolke und das Tor zum Dorf. Große und kleine Yaks grasen auf dem Weg und es geht flach weiter. Wow, was für ein großer Ort. Es gibt sogar 2 Straßenlaternen. Und das obwohl hier noch nie, nie, nie ein Auto war. Der Strom kommt zumeist aus Solaranlagen. Und ein bisschen aus Kerosingeneratoren. Heißes Wasser zum Duschen ist nur solargewärmt. Kühle Angelegenheit bei bedecktem Himmel. Zum ersten mal in meinem Leben dusche ich mit Mütze auf. Haare waschen verschiebe ich auf wärmere Gefilde.  Heute gehe ich besonders früh ins Bett. Morgen gehen wir vor Sonnenaufgang los. Um 3.30 Uhr aufstehen, damit wir kurz nach 4.00 Uhr loskommen. Kang La Pass, sei bereit.

Beim Aufbruch ist es stockfinster. Keine Sonne, keine Straßenlaterne… Nur mit dem Licht des Mondes und der Stirnlampen laufen wir durchs Dorf, aus dem Dorf raus und auf den Pass zu. Irgendwann gucke ich nach links und gucke direkt in 2 schwarze Augen, die mich interessiert mustern. Keinen Meter von mir entfernt steht ein Yak. Und noch eins und noch eins. Eine ganze Herde. Schon krass, was mein Gehirn alles an Eindrücken verarbeiten muss. Dieser Eindruck ist auf jeden Fall unter den ganz, ganz besonderes abgespeichert. Dann machen wir eine kleine Pause. Es wird heller. Geht ja ziemlich schnell hier. Kan Garu guckt mal wieder zwischen den Wolken hervor. Und dann macht jemand das Licht an. Ein rosarotorangener Lichtstrahl schiebt sich links vor den Berg. Wow. Sonnenaufgang im Himalaya. Ich muss ein bisschen blinzeln, weil alles in Glückstränen verschwimmt. Der Anstieg ist ziemlich anstrengend. Loser Kies und immer nur bergauf. Nach nur 4 Stunden sehen wir den Pass. Kurzer Fotostopp am Kang La Lake und dann die letzten Meter zum Pass rauf. Oh mein Gott, was bin ich stolz auf mich. 5320m hoch sitze ich auf dem Dach der Welt und kann mein Glück nicht fassen. Ich bin hier, ganz alleine hochgekommen. Nie hat ein Müsliriegel so gut geschmeckt, nie waren Kekse eine solche Delikatesse und nie vorher bin ich aus eigener Kraft so hoch oben gewesen.

Auf der anderen Seite ist eine weiße Wand. Bumm. Wolke. Kalt und feucht geht es weiter. Brr, das macht keinen Spaß. Der Weg ist steil und rutschig und mir ist kalt. Zum Glück wird mir beim Gehen warm. Und nach über 2000m bergab sind wir in der Zivilisation. Ich fühle mich fremd hier, gar nicht so vertraut wie die letzten Tage. Hier in Ngawal treffen wir wieder auf den Annapurna Circuit und damit auf die unvermeidlichen Touristen. Die Speisekarte im Restaurant bietet eine riesige Auswahl. Ich entscheide mich spontan für Dal Bhat. Pommes esse ich lieber in Belgien. Nach dem Essen gehen wir weiter nach Manang. Motorräder fahren an uns vorbei und unten im Tal liegt ein Flugplatz. Der ist allerdings nur saisongeöffnet und bestimmt nicht, während der Monsunzeit. Auf breiten Wegen kommen wir nach Manang. Das Hotel dort ist riesig und es sind viele andere Gäste da. Puuh. Ich mache erstmal einen kleinen Nachmittagsschlaf. Die Leute hier laufen alle den „Standard-Circuit“ und diskutieren lebhaft, wie anstrengend die letzte Etappe mit ihren 300 Höhenmetern war. Und was sag ich? 1300 Höhenmeter rauf, 2000 runter. Und ich fühle mich nicht so erschöpft, wie alle anderen erzählen. Von jetzt an, folgen wir auch dem Standard-Weg weiter.