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06.07.2016

So dicht an Tibet war ich noch nie

In Lo Manthang alleine gibt es viel zu sehen. Einen ganzen Nachmittag verbringe ich mit einer spannende Reisegruppe damit, die Kloster und den Königspalast zu bestaunen. Wir werden am Kloster vom Chefmönch abgeholt. Er erzählt vor allem über die Schule und seine Mönchskinder. Irgendwie kommt mir das bekannt vor... Die Schule hier ist für die Region recht groß und wird von westlichen Spendern unterstützt. Sonst, erzählt der Abt, könnten sie den Kindern keine Kleidung und kein warmes Essen geben im Winter. 

Rund um die Innenstadt von Lo Manthang ist eine 6m hohe Mauer gebaut. Die Mauer hat dem Erdbeben stand gehalten, während einige der anderen Gebäude deutlich Spuren des Bebens tragen. Hier haben die Menschen anderes zu tun, als sich um den Wiederaufbau zu kümmern. Auch wenn der Tourismus mehr oder weniger explodiert ist in den letzten 10 Jahren, kämpfen die Menschen doch jeden Tag für das wesentliche: einen vollen Bauch und ein warmen Platz zu Schlafen. Wenn dann noch Energie übrig ist, werden Kunstwerke gefertigt, in der Schule gelernt und Häuser gebaut. Der Abt auf jeden Fall, ist Stolz auf sein Kloster und seine Schule. Sein Ziel ist es, dass jedes Kind in Lo Manthang lesen und schreiben lernt - und natürlich die Grundzüge des Buddhismus, der hier den Alltag deutlich prägt. 

Insgesamt 3 Klöster dürfen wir uns angucken. Eines ist nicht mehr im aktiven Klosterbetrieb und ziemlich verstaubt, ein anderes wird gerade von der EU restauriert. Hier sitzen Männer und Frauen auf abenteuerlichen Gerüsten (wenn das mal die Geldgeber wüssten...) und malen mit winzigen Pinselchen die Wandgemälde neu. Der ganze Prozess ist in Wahrheit noch komplizierter. Zuerst werden die detailreichen Figuren nämlich abgepaust,dann auf übertragen, um erst dann wieder an die Wand gebracht zu werden. 
Fasziniert von der Fremdheit der heiligen Stätten gucke ich mir alles an. Auch nach vielen Erklärungen und einigen Besuchen werden mir buddhistische Tempel nicht vertrauter. Oder doch, ein bisschen schon. Ich weiß um einige Rituale und kenne die Bedeutung einiger weniger Symbole. Aber der Buddhismus an sich, wird mir dadurch nicht vertrauter. 

Ein langer Tag mit Erkundungen in Lo Manthang geht zu Ende und ich freue mich nach einer herrlichen Massage, die meinen rucksacktragenden Schultern wirklich gut getan hat, auf einen neuen spannenden Tag.

Der neue Tag soll mich nach Chhoser bringen. Ein Dorf, etwa 2 Stunden Richtung Tibet. Dort gibt es Höhlen, die ich besichtigen kann und ein weiteres Kloster. 
Der Weg ist leicht zu laufen und der Rucksack fast leer. Nachmittags werde ich wieder in Lo Manthang sein, ich muss also nichts weiter mitnehmen als Wasser und Kamera. Nach knapp 2 Stunden auf staubigen Wegen, immer mal ein bisschen rauf und runter, sind wir in dem Örtchen, das so dicht an Tibet ist, dass ich fast hinspucken könnte. Hier ist alles für die Touristen hergerichtet. Es gibt schöne Wegweiser und ein Restaurant/Souvenirgeschäft/Café. Als erstes geht es zum Kloster. Dort findet gerade eine Zeremonie statt (ein Gottesdienst, eine Andacht??). Ich werde schnell eingeladen, mich dazu zu setzen. Ein junger Mönch bringt mir eine Schale mit Gebäck. Am ehesten schmeckt es, wie sehr, sehr gut frittierte Hirschhörner. Süß und fettig, sehr knusprig und vielleicht nicht gerade von heute morgen. Aber schmecken tut es trotzdem. Ich versuche dem Ablauf zu folgen, was mir natürlich nicht gelingt. Wo soll ich denn zuerst hingucken?

Alle 10 Mönche sitzen entlang der Wände des winzigen Raumes. Die Buddha Statue am Kopfende des Raumes ist mit einer Neonröhre beleuchtet. Einer der Mönche rezitiert in ein Mikrofon. Er scheint eine leitende Funktion zu haben. Die anderen fallen in den Singsang mit ein, blättern hier und da in ihren tibetischen Büchern und singen zumeist mit geschlossenen Augen. Hin und wieder gucken die Jungs auf ihr Handy, kichern und essen ein paar Kekse. Dann geht einer herum und schenkt frischen Tee ein. Eine gute Stunde folge ich dem, was ich für einen Gottesdienst (also das buddhistische Äquivalent) halte und lasse das Fremde, was mich mit soviel Energie für den Alltag füllt, auf mich wirken. 
Vor dem Kloster treffe ich auf eine alte Frau. Sie sieht unsagbar alt aus, das Gesicht von tiefen Falten durchfurcht, die Augen trüb. Sie trägt eine tibetische Tracht, die ihre besten Tage schon hinter sich hat. Um ein Foto machen zu dürfen, soll ich ihr Geld geben. Ich gebe ihr den kleinsten Schein, den ich habe (10 Rupees), das ist in etwa das, was sie am Tag verdient. So sind wir am Ende beide zufrieden. Ich, weil ich ein schönes Foto gemacht habe, mein Modell, weil sie schon am Vormittag so viel verdient hat, wie sonst erst am Abend. Das Mittagessen für diesen Tag ist gesichert. 























Ich will weiter zu den Höhlen. Nur 10 Minuten ins Tal hinein ist eine kleine Treppe in den Fels gebaut. Nach einer Weile kommt ein kleiner, dünner, betrunkener Mann und schließt die Tür auf. Ich darf raufklettern und bin auf der einen Seite fasziniert, auf der anderen Seite enttäuscht. Es sind Höhlen, ja. Aber da ist irgendwie nichts mystisches, nichts geheimnisvolles, nichts spannendes beim Durchgehen. Die Geschichten von den tibetischen Freiheitskämpfern, die sich hier vor einem halben Jahrhundert versteckt haben, die finde ich spannend. Und auch die tibetischen Mönche, die vor vielen hundert Jahren, diese Höhlen zum meditieren genutzt haben sollen. Aber wer die Höhlen, die zum Teil 50m hoch in die senkrecht aufragende Felswand gebaut sind, gegraben hat, bleibt vorerst ein Geheimnis. 

Nach einer Tee-und-Mango-Pause in dem urigen Café, geht es zurück. Das erste mal umkeheren... In dem Café/Laden/Restaurant gab es allerlei spannendes zu kaufen. Tuborg Bier, wie überall, Nutella, Fake Money, Becher, Eier, tibetische Schuhe, Nike Schuhe, Seife und Nudeln. Chinesische Süßigkeiten, Cola, scharfe Sauce, Waschmittel, Vorhängeschlösser, Kekse, Snickers und Werkzeug. Und sicher noch sehr viel mehr, wenn ich nachgefragt hätte. 

Auf dem Weg zurück, machen wir einen kurzen Stopp im Mustang Museum. Eine Familie hat ein paar Artefakte gesammelt und sie in eine Vitrine gelegt. Die Vitrine steht allerdings etwas abseits in einem Lagerraum. Die Exponate hätten durchaus einen anderen Platz verdient. Beschwingt und zufrieden mit dem Tag, trotz des traurigen Museums, geht es zurück nach Lo Manthang. Dort warten die Hotelbesitzer schon mit frischen Momos auf mich.

03.07.2016

Ein Königreich im Königreich im Köngireich

Der Weg führt weiter Richtung Tibet, rauf und runter und rauf und runter. In fast allen Orten auf dem Weg halten wir an, entweder um dort Mittag zu Essen oder zu übernachten. Der Wind ist nicht weniger stark geworden und pustet mir angenehm in den Rücken. Ich mag gar nicht daran denken, wie es sein wird, wenn ich in die andere Richtung gehe und mir der Wind ständig Sand in die Augen pustet. An einem weiteren Pass machen wir eine Pause. Das erhebende Passgefühl bleibt auch hier aus. Vielleicht, weil die Pässe einfach nur der höchste Punkt der Straße für diesen Abschnitt sind. Trotzdem werden sie markiert. Immer sind Steinhäufchen und Gebetsfahnen und -schals zu finden. 


Strahlend blau ist der Himmel über mir, keine Spur von den dicken grauen Wolken, die bis vor kurzem der Sonne den Weg auf die Erde verdeckt haben. Ich bin jeden Tag, jede Stunde, jede Minute wieder fasziniert von den Gesteinsformationen, die alle paar Augenblicke wechseln. Mal sieht es aus, als wäre das lose Gestein rund um säulenartige Gebilde, einfach weggeräumt worden. Da stehen eben nur überdimensionierte Tannenzapfen aus Stein im Berg. Dann wellt sich der Berg als wäre er aus Samt und Seide. Und dann wieder schneidet ein Fluss einen tiefen Canyon in das Plateau, das kurz darauf endet und in einer sanften Steigung zum nächsten Pass führt. Wenn ich mich einfach nur um sich selbst drehe, habe ich das Gefühl, eine Reise durch die verschiedensten Länder und Landschaften dieser Welt zu reisen, so unterschiedlich sind die Formationen rund um mich herum. 
Auf dem Weg liegt die längste Mani-Wand in Mustang. Ich habe nicht nachgemessen, aber lang ist sie auf jeden Fall. Beim daran entlang gehen, habe ich es gar nicht so wahrgenommen, erst später von etwas weiter weg. 

Der Ort Chharang ist bekannt für das Kloster und den ehemaligen Köngispalast. Mustang ist ein nicht ganz ehemaliges Königreich. Der König hat nur noch eine formelle Bedeutung und außerdem lebt er in Pokhara, weil das Klima für den Greis dort angenehmer ist. Die Regierung in Nepal, sowohl die alte Monarchie als auch die aktuelle Demokratie dulden das Königreich der Tibeter, das zufälligerweise in den aktuellen Grenzen von Nepal liegt. Der Staat Nepal profitiert sehr von diesem kleinen, geheimnisumwobenen Königreich. Jeder Tourist, der Mustang betritt, muss 500US$ an den Staat zahlen. Ein bisschen geht davon an Mustang, das meiste in irgendwelche schwarzen Koffer und ein bisschen an den Staat Nepal. 

Von Chharang ist es nur noch ein Katzensprung nach Lo Manthang. Lo Manthang ist das Zentrum, das Herz und die Hauptstadt von Mustang. Der Name Mustang ist wohl ein nepalisches Missverständnis von Lo Manthang. Lo Manthang hat eine ummauerte Innenstadt in der das Herzstückt, das Kloster und der Königspalast liegen. Viele Restaurants und Hotels reihen sich um die Stadtmauer. Im Hotel trifft sich Abends die Jugend zum Mittagessen. Die Stimmung ist fröhlich und ausgelassen. Ich unterhalte mich lange mit einem Nepali, der zur Zeit des Bürgerkriegs nach Belgien geflohen war und dort von seinem 6-25. Lebensjahr gelebt hat. Nach dem Studium ist er zurück nach Nepal gezogen, hat das sichere Europa hinter sich gelassen und stellt sich nun den Herausforderungen des Alltags in Jomsom. Er hat eine Apfelfarm, eine Motorradwerkstatt und einen Laden, in dem er alles mögliche verkauft. Um für diesen Laden Nachschub zu besorgen ist er hier. Auf der tibetischen Seite der Grenze ist ein Markt. Man kann einen Tagespass für den Grenzübertritt kaufen. Die chinesischen Grenzbeamten behalten allerdings den Reisepass, bis man wieder ausreist. Mein Gesprächspartner lacht kurz, seinen belgischen Pass würde er für so eine Aktion niemals benutzen. Immer nur den nepalischen. Der sei so wenig wert, den wollten nicht mal chinesische Grenzbeamten haben.

01.07.2016

Unterwegs in der Wüste

Die Entscheidung nach Mustang zu fahren, hatte mehrere Gründe. Zum einen hat mich die Gegend vor 2 Jahren sehr fasziniert, zum anderen liegt Mustang im Regenschatten der Anapurna-Kette. Und das ist mitten im Monsun unendlich viel wert. Nach der etwas etwas längeren Anreise, würden ein paar Tage laufen wirklich gut sein. Also los. Ich frühstücke im Hotel und dann ziehen wir los. Kommen am Litlle Asia Hotel vorbei - etwas anders als in meiner Erinnerung, aber könnte schon stimmen, über die Brücke durch das weniger touristische Jomsom und dann sind wir auf dem Weg. Der Weg, führt wie beim letzten mal, am Fluss entlang. Dieses mal kein Tee im Ekle Bhatti Hilton Hotel. Dafür eine Pause in Kagbeni. Das Mittagessen besteht aus Kartoffeln. Angeblich eine der Hauptenergiequellen hier. Mal sehen, wie es weiter geht. Eigentlich sollten wir hier übernachten. Aber um 11.00 schon am Tagesziel zu sein, kommt mir merkwürdig vor. 

Ich will lieber weitergehen. In Kagbeni müssen wir uns am Ortsausgang registrieren. Die Prozedur hat sich in den letzten 2 Jahren nicht verändert, es gucken immer noch 2 zu, wie der eine registriert und den 2 Kontrolleuren, gucken wiederum 4 weitere zu. Ich gucke mir derweil die Straße vor dem ACAP-Office an. Eine Mani-Wand teilt die Straße. Ich mag diese Gebetsmühlen so gerne angucken. Die sind so fremd, so faszinierend und irgendwie haben die was beruhigendes. In jeder Gebetsmühle sind die 108 wichtigsten Mantras aufgeschrieben und aufgerollt. In den größeren gleich mehrfach, in den kleineren eben nur einmal. Am Ende der Straße haben 3 Frauen angefangen die Spreu von der Gerste zu trennen. Auf einer großen Plane ist das Getreide aufgehäuft. Immer wieder füllen sie kleine Portionen der Körner auf eine Art Tablett. Dann werfen sie die Körner in die Luft. Der Wind pustet die leichte Spreu weg, während die schweren Körner zurückbleiben und wieder auf das Tablett fallen. Die So gereinigten Körner werden auf einen Haufen geleert und die Prozedur geht von neuem los. Ganz schön viel Arbeit für so eine bisschen Korn. Gerne wäre ich geblieben und hätte weiter zugeguckt. Aber wir wollen weiter. 

Der Weg führt uns Richtung Tibet. Nilgiri bewacht uns auf dem Weg. Hin und wieder guckt auch Muktinath Peak durch die Wolken. Die Sonne scheint, es ist angenehm warm und der Wind pustet mir in den Rücken. Damit kann ich leben. Nach der langen und anstrengenden Steigung am Anfang des Tages, hatte ich gehofft, es würde weniger bergauf gehen. Aber scheinbar geht es nur hoch. Dabei sollen wir doch gar nicht so hoch kommen. Nur 4230m - gefühlt sind wir mindestens schon 5000m hoch. Nach einer langen Steigung kommt ein Plateau, eine Vidde. Hä? Ist das da ein Zaun? Hier steht Nepals höchste Apfelfarm. Sieht allerdings nicht gerade bewirtschaftet aus. Die Bäume sind kaum zu erkennen und die Scheiben am Kontrollhäuschen sind eingeschlagen. Der Ausblick ist allerdings wirklich schön und so machen wir eine kurze Pause hier, essen einen Apfel, auch wenn der nicht von der Farm hier kommt. Der Weg geht runter, fast ein bisschen zu steil. Ich bin lieber auf der Straße gegangen, um den fast senkrechten Pfad zu umgehen. Plötzlich ist da eine Bewegung am Hang. Erst ganz undeutlich, dann etwas besser zu erkennen. Mama Reh (oder sowas in der Art) und ihr Kind hoppeln über die Straße und lecken hier und da an einem Stein. 
Mittlerweie bin ich ziemlich kaputt und freue mich auf eine Dusche. In Pokhara hatte ich die grandiose Idee, etwas Gutes für die Gemeinschaft zu tun und habe mich von den Helping Hands massieren lassen. Leider hat die Frau das Öl mehr oder weniger nur auf meinem Kopf verteilt und das laukalte Wasser im Hotel hat auch bei dreimaligem Haare waschen nichts weiter gebracht, als das Öl möglichst tief in den Haaren einwirken zu lassen.
 
Gegen 17 Uhr sind wir in Chucksang. Das Hotel ist sauber und freundlich. Ich sitze erst eine Weile im Aufenthaltsraum und schreibe ein paar Zeilen ins Tagebuch. Dann ist das Wasser aufgeheizt und ich bezahle brav die 200 Rupees, um zu duschen. In meiner Erwartung ist die Dusche ein kleines Rinnsal mit lauwarmen Wasser. Umso überraschter bin ich, als mich ein kräftiger Strahl mit richtig warmen Wasser trifft. Nach 2 Runden ist sogar das Öl ausgewaschen und ich kann mich dem wirklich Wichtigen widmen, Essen! Es gibt Dal Bhat und ich bin zufrieden. Ein kurzer Abendspaziergang durchs Dorf rundet diesen Tag ab. Wie es im Urlaub so ist, liege ich schon bald selig schlummernd im Bett.

Von Chucksang soll es weitergehen nach Syangboche. Die phonetische Übertragung von tibetischen/nepali Namen in europäische Sprachen ist nicht immer einfach. Die Buchstaben B und M liegen in der hiesigen Sprache so dicht beeinander, dass man unmöglich sagen kann, das es eindeutig das eine oder das andere ist. Also wird der Ort auch mal als
Syangmoche bezeichnet. Wichtig ist vor allem, dass wir dort hinkommen. Aber das sollte kein Problem sein. Die Wege sind breit und gut zu laufen. Eigentlich gehen wir die ganze Zeit auf der Straße. Die hist hier halt ein Schotterweg. Ab und zu gibt es Fussgängerabkürzungen, die etwas steiler den Berg raufführen und nicht in langen Kurven.
Eine Weile begleitet uns der Kali Gandhaki Fluss, bevor wir (oder er?) abbiegen. In den Felsen sind immer wieder kleine Löcher, die bei genauem Hinsehen gar nicht so klein sind, sondern die Fenster von Höhlen. Die Höhlen wurden wohl als Meditationsort geschaffen und später von tibetischen Freiheitskämpfern für als Versteck genutzt. Ich kann mir vorstellen, dass die Höhlen auch mal als Aufenthaltsraum/Wohnung genutzt wurden. Aber darüber stand nichts im Reiseführer. Es geht mal wieder bergauf und ich will schon protestieren, dass wir jetzt doch nicht mehr weiter hoch können, wenn wir angeblich nur
knapp über 4000m sollen. Wir waren doch auf jeden Fall bei 3700m in Chucksang. Bald sehe ich Gebetsfahnen, die über eine Steinhaufen gespannt sind. Hier ist also eine Pass und gleich wird es wieder runter gehen. Oben auf dem Pass eine kurze Pause. Ein bisschen was trinken, einen Keks essen und weiter. In der Ferne sind Gletscher zu sehen. Die stehen schon auf der anderen Seite der Grenze - in Tibet. Zu gerne würde ich da auch mal hingehen. Nicht fahren, nicht fliegen, nein Laufen. Auch wenn ich immer wieder daran zweifel, ob es eine gute Idee ist, zu laufen, weil mich Steigung und drückende Steine völlig fertig machen, bin ich am Ende des Tages so angenehm erschöpft, dass ich freiwillig um 20 Uhr ins Bett gehe und tief und fest bis zum nächsten Morgen schlafe. Das ist wirklich Erholung pur. Besser könnte es nicht sein. 

Ok, aber der Pass, der eigentlich keiner ist. Oder sich zumindest nicht so anfühlt. Allerdings hat sich die Landschaft radikal verändert seit wir auf dem höchsten Punkt der Straße waren. Plötzlich ist es viel grüner geworden. Oder zumindest stehen deutlich mehr Pflanzen herum. In Ghami machen wir Mittagspause. Hier ganz in der Nähe ist die längste Manimauer in ganz Mustang. Von Ghami muss ich erst durch ein Flusstal. Diese Dinger haben es echt in sich. Erst steil bergab,dann über ein Rinnsal von Fluss und dann die ganze Strecke wieder bergauf. Und dann stehe ich plötzlich vor der Wand. Vielleicht 100m lang streckt sich diese Mauer durchs Gelände. Die obere Hälte besteht auch Manisteinen mit den wichtigsten Mantras: Om Ma Ni Padme Hum steht auf jedem Stein drauf. Ich habe nicht gezählt, aber es sind viele, sehr, sehr viele Steine. Wenn ich tatsächlich jedes mal gebetet habe, wenn ich an so einem Stein vorbei komme, dann habe ich viel gebetet.
 
Am Ortsein- und ausgang stehen oft Stupas oder Chorten. Die sind hier mit natürlichen Erdfarben angemalt, weiß, rot, gelbbraun. Passt gut in die doch recht karge Landschaft. Ich weiß nicht genau warum, aber diese Wüste gefällt mir. Keine Bäume die mir die Sicht nehmen, nur Sträucher und Sukkulenten. Hin und wieder mal ein Löwenzahn. Yaks und Ziegen kreuzen den Weg. Eine Ziegenherde ist so groß, dass wir stehen bleiben müssen, um sie vorbei zu lassen. Der ihnen folgende Hirte geht mit der Herde zu den Futterplätzen. Jeden Tag, bei jedem Wetter. Und immer begleitet von den gigantischen Bergen des Himalaya. Die müssen ganz schön mit sich im Reinen sein, soviel Zeit, wie die hier in der Einsamkeit, nur mit den nichtsprechenden Tieren verbringen. Ich glaube, als Ziegen- oder Schafhirte könnte ich mir auch einen Urlaub vorstellen. Den ganzen Tag draußen und in Bewegung mit den Tieren. Aber eben nur als Urlaub, für eine begrenzte Zeit. Ich schreibe das mal auf die Bucketlist.

30.04.2016

Zwangsurlaub

Wenn andere darüber klagen, dass sie ihren Urlaub um eine Woche verschieben mussten, weil es mit dem Dienstplan irgendwie nicht anders hinhauen wollte, kann ich nur neidisch gucken. Ich habe Zwangsuralub bekommen. 4 Wochen, bang. Danke, das war mein Jahresurlaub. Da wollte ich gerne was machen, wozu ich wirklich Lust habe und nicht vorgesetzt bekommen, wann ich den Urlaub zu nehmen habe. Aber gut, so war es dann. Mein Traum Kamschatka zu erwandern ist am Zeitpunkt gescheitert. Die Saison dort beginnt er im Juli. Und für 2 Wochen nach Kamschatka zu fliegen ist nur mäßig sinnvoll. Nächster Gedanke: Pakistan. Die Bilder sind atemberaubend schön, aber da war die Sache mit dem Visum. Das ganze war irgendwie kompliziert und ist erstmal auf Eis gelegt. Dann könnte ich ja nach Bhutan. Fand ich schon immer spannend. Ach nee, Regenzeit. Wie fast überall zwischen den Wendekreisen. Toller Zeitpunkt zum Urlaub machen, grr. 
Ich habe mich dann für was naheliegendes und leicht zu organisierendes entschieden und bin nach Nepal geflogen. Mustang, die Wüste im Nordwesten des Landes, sollte es werden. Schon beim letzten Besuch habe ich an der Abzweigung in Kagbeni gestanden und darauf gehofft, dort einmal bis fast nach Tibet laufen zu können. Ein paar Mails und Skypetelefonate später, war der Trek gebucht. 3 Wochen Nepal und ich sollte bis Lo Manthang laufen, ca 10km von der tibetischen Grenze entfernt. Mustang ist ein Königreich in der Republik Nepal. Die Menschen, die dort leben sind tibetische Buddhisten und in meinen Reiseführern steht, dass Mustang eigentlich ein Ausläufer Tibets ist. Und außerdem ist es eine Wüste. Die Berge der Anapurna-Kette halten die Wolken auf, die von Süden kommen. Mit Regen sollte ich also nicht kämpfen müssen. Dafür mit Sandstürmen und karger Natur. Nichts lieber als das, Nepal - ich komme!

14.08.2014

Vielleicht doch ein bisschen Tibet?

In Koto lerne ich das erste mal die gesamte Prozedur des Registrierens. Pass, Permit, special trekking permit for restricted areas und ne Menge Geduld braucht man. Da sitzt ein Beamter in seinem Kontrollhäuschen (und 2 gucken ihm dabei zu, während 4 den beiden beim Zugucken zugucken…) Der Kontrollbeamte macht sich einen Vermerk in sein Buch (dauert 3 Sekunden) und dann dürfen wir offiziell eintreten in das Nar-Phu-Valley. Erstmal geht es steil bergab, in einen dichten Nadelwald. Die Luft ist angenehm klar und es riecht nach frischem Holz. Herrlich. Neben dem rauschenden Bach oder reißenden Fluss laufen wir eine Stunde gemütlich entlang. Dann riecht es irgendwie nicht mehr so wie vorher. Eklig, aber fremdvertraut und doch irgendwie gut. Was ist das? Der Geruch ist graugelb, aber ich komme nicht drauf, was es ist. Bis Pasang mich fragt, ob ich einen kleinen Schlenker zu den heißen Quellen machen möchte. Klar, da kam der Geruch her. Eklig, fremdvertraut und doch irgendwie gut. Hängen viele gute Erinnerungen dran, an diesem Geruch. Wir lassen das Gepäck am Weg stehen und klettern über die Steine im Fluss. Dann dampft es. Richtig baden finde ich ein bisschen gefährlich, weil der Fluss wirklich reißend vor sich hin strömt. Aber auf einem Stein sitzen und ein Fußbad, das geht. Kokoscandy und Schokolade teilend sitzen wir da so auf den Steinen, gucken den Adlern in der Luft zu und genießen das Hier und Jetzt. 

Nach einiger Zeit sind die Füße ganz schrumpelig und wir klettern wieder zurück. Der Weg geht weiter durch die enge Schlucht. Ich habe das Gefühl, nur bergab zu gehen. Dabei soll unser Ziel, Meta, doch 400m höher liegen als Koto. 

Auf dem Weg begegnen wir einigen Maultierkarawanen. Die tragen das Holz aus der Schlucht in die Zivilisation. Holzabbau ist hier nur während der Monsunzeit erlaubt.  Ich hoffe, die Leute halten sich dran. Denn der Wald ist beeindruckend. Der Weg ist angenehm zu gehen. Einmal führt er sogar hinter einem Wasserfall vorbei. Andere Abschnitte klammern sich an die Felswand, führen unter Überhängen durch und sind ein bisschen abenteuerlich. Zum Mittag, heute haben wir Chapati, Ei und Käse mit, setzen wir uns in die Sonne. Die Landschaft ist karg, trotz der Bäume. Heller Sand und Pflanzen, die ich noch nie gesehen habe. Es gefällt mir.

Nach der Mittagspause gehen wir noch ein Stück auf relativ ebenem Grund, bevor es plötzlich steil bergauf geht. Warum genau wollte ich noch mal so einen Urlaub machen? Hatte ich nicht vorher schon vermutet, mich für die Entscheidung einen Wanderurlaub in den Bergen machen zu wollen, zu hassen? Ich bin kurz davor. Der Berg will nicht enden, meine Motivation ist so deutlich zu sehen, wie die Gipfel des Himalayas – nämlich gar nicht. Langsam kämpfe ich mich, Stück für Stück weiter. Nach einer schier endlosen Stunde zeigt Pasang auf weiße Fahnen (eigentlich Schals, aber von hier sieht es aus wie Fahnen). Da wollen wir hin. 20 Minuten später erreichen wir tatsächlich diese weißen, flatternden Wimpel. Die Bewohner von Meta haben hier eine Gedenkstätte errichtet. Hier kann man einen weißen Schal um die Chorten binden und an die Toten denken. Nach einer großzügigen Portion Schokolade finde ich den Ort hinreißend. Irgendwie fühle ich mich magisch verbunden. Merkwürdig und absolut unabhängig von der Schokolade, die meine Laune deutlich gebessert hat. Und dann geht es schnell, bis wir in Meta sind. Der Ort besteht aus dem „Hotel“ und wir sind die einzigen Gäste. Die Menschen hier sind Tibeter, die die auf der nepalesischen Seite der Grenze leben. Willkommen in Tibet. Also doch ein bisschen Tibet. Es ist perfekt warm, ein bisschen windig und die Sonne scheint. Ich bekomme eine Tasse Tee und setze mich draußen auf die warmen Steine. Um mich herum höre ich den Wind und die Glocken der Pferde und Maultiere. Auf der anderen Seite der Schlucht ist ein Kloster. Am Ende des Tals ist Tibet. Und in die Richtung wollen wir morgen gehen. Und wieder einmal denke ich an Goethe, hätte er seinen Faust hierher geschickt, die ganze Nummer mit Gretchen hätte nicht sein müssen. Hier ist der Augenblick so schön, dass ich Tränen in den Augen habe. Bitte, bitte geh nicht vorbei, lieber Augenblick. Irgendwas zieht mich zu diesem Gedenkplatz zurück. Gemütlich spaziere ich dort hin und denke an alle die, die schon tot sind und nicht mehr hier her kommen können.  Dem Himmel so nah, vielleicht ist es das Gefühl, was in mir herrscht. 

Und Hunger, das Gefühl lässt sich auf jeden Fall leichter beschreiben. Kein Wunder, dass ich Hunger habe. Die letzte Mahlzeit ist schon wieder einige Stunden her. Ich gehe in die Küche, wo schon einige Leute sitzen und Tee trinken. Ein bisschen Bilder zeigen und meine Nepalikenntnisse präsentieren (Ich kann meinen Namen sagen, wo ich wohne und dass auf den Bildern das Meer ist und natürlich, dass ich das Essen mag, ganz wichtig.) und schon bin ich irgendwie mittendrin statt nur dabei. Ich fühle mich herzlich aufgenommen in dieser eigenartigen Familie, zu der auch die Arbeiter, die hier werklen, gehören. Auf dem Herd zischt der Reis im Dampfkochtopf, die Linsen und der Spinat sind auch gleich fertig. Als erstes bekomme ich mein Dal Bhat. Linsen und Reis und heute Spinat. Lecker. Dazu Chilipaste, jede Hausfrau hat da ihr eigenes Rezept. Dann bekommen die Männer ihr Essen und die Frau muss mit den Resten vorlieb nehmen. In diesen kurzen Moment hasse ich diese Welt. Als würde die Frau weniger arbeiten. Blöde Gesellschaft. Und trotzdem sind alle guter Dinge. Es ist genug zu essen da, es reicht sogar noch für die Hühner, die ab und an mal neugierig in die Küche kommen. Nach einer weiteren Runde mit Tee, macht sich einer nach dem anderen auf den Weg ins Bett. Ich lebe ein bisschen mit der Sonne. Aufstehen zu Sonnenaufgang, ins Bett gehen mit Sonnenuntergang. Also um 20 Uhr. 

Am nächsten Morgen – gegen 6 Uhr – habe ich wieder Hunger. In der Küche ist schon ordentlich was los. Auf dem Herd stehen eine Pfanne und ein Kessel. Klar, Tee muss sein. Und Chapati bäckt man in der Pfanne. Ich darf Chapati ausrollen (ungesäuertes Brot, besteht nur aus Mehl und Wasser). Ein bisschen zäh der Teig beim rollen, aber nach ein paar kreativen Formen, klappt es mit dem runden Brot. Schnell sind die Brote gebacken, ein bisschen nachrösten direkt in der Glut. Und dann wird plötzlich Öl in die Pfanne gekippt? Und neue Teigstücke reingelegt. Aha?! Ahh, es ist tibetisches Brot. Das wird frittiert. Bevor ich Pain frittes esse, hätte ich gerne einen Tee. Biiiiittteeeee. Ja, Tee ist in Arbeit. Aber der muss noch ziehen. Ich hypnotisiere die Kanne, zieh schneller. Dann scheint der Tee fertig gezogen. Auf jeden wird die Kanne vom Herd genommen und der Inhalt in ein hohes Gefäß gekippt, sieht aus wie ein Köcher. In meinem Kopf breiten sich Fragezeichen aus. Dann kommt weißes Pulver dazu. Milchtee? Ok, lecker. Und dann noch ein paar Klumpen von etwas gelb-braunem. Zucker? Klar, der Milchtee soll ja süß sein. Außen am Köcher ist eine Art Schlaufe dran. Die Hotelbesitzerin stellt sich in die Schlaufe und steckt eine Art Quirlstopfen in den Köcher und mixt den Tee durch. Nun denn, ich bin offen für neue Techniken, aber das ist doch wirklich sehr kreativ. Einen Augenblick später gießt sie den Tee in die Kanne, die schon auf dem Herd steht. Noch mal kurz aufkochen und dann bekomme ich den heißen Tee in meinen Becher. Guten Morgen, lieber neuer Tag. Jetzt kannst Du losgehen. Ich puste in den heißen Tee und habe in Gedanken schon den süßen Geschmack von Gewürzen auf der Zunge. Sehr hübsch ausgedrückt, bin ich überrascht als sich statt der süßen Gewürze, der Geschmack von leicht salzigen, müffelnden Käsesocken in meinem Mund ausbreitet. Was zum Geier … Tibetischer Yakbuttertee. Ein neuer Punkt auf meiner kulinarischen Erlebnisliste. Übrigens gehört es sich, dass der Becher immer wieder vollgeschenkt wird, wenn man ihn zur Hälfte leer getrunken hat. Hat einige Runden gedauert, bis ich das verstanden hatte. 

Gut gestärkt geht es durch den dichten Nebel Richtung Tibet. Irgendwann am Vormittag macht es plötzlich *pling* und die Sonne scheint vom blauen Himmel. Kan Garu, lugt vorsichtig hinter den Wolken hervor und begleitet uns ein Stück. Am Wegrand grasen Yaks. Ich fühle mich wie in einem Traum, einem Wunschtraum. Trotz der regelmäßigen Pausen, sind wir fix unterwegs, finde ich. Die Landschaft ist abwechslungsreich. Erst glaube ich, ein bisschen Alpenhochland zu sehen, dann Kalahari Wüste, dann Colorado. Alles ein bisschen, nichts passt richtig. Es ist und bleibt tibetisches Hochland. Halt nur auf der anderen Seite der Grenze. Scheinbar gehen wir bergauf, denn die Bäume verschwinden und weichen kurzen, dornigen Sträuchern. Am frühen Nachmittag stehen wir vor einem Tor. Dem Eintrittstor zum Phu-Tal. Man kann die Tür zumachen, hilft allerdings nur gegen weglaufende Ziegen, die Türen nicht öffnen können. Inzwischen wachsen am Wegesrand nur noch vereinzelte Sukkulenten. Und dann ist es da. Das Dorf in der Felswand. Ich kann das Gefühl nicht beschreiben. Ich stehe mitten im Nichts. Um mich herum heller Sand und hohe Berge aus braunem Stein. Und vor mir liegt ein Dorf in den Berg gebaut. Tief einatmen, das ist die Wirklichkeit. Unser Hotel ist „einfach“, aber es reicht. Die Matratze ist vielleicht 0,5cm dick. Dann musste das arme Maultier wenigstens nicht so viel tragen. Jetzt erstmal ne Teepause. Was für Tee ich denn möchte. Milchtee, danke!

Wir laufen gut gestärkt mit Tee und Schokolade durchs Dorf. Ein kleiner Junge zeigt uns ein altes Kloster. Hier wohnen keine Mönche mehr und zum Beten kommt auch keiner mehr hierher. Dennoch ist der Ort so heilig, dass man ihn nicht verändern will. Mit eiskalten Füßen und vor Ehrfurcht zitternden Händen stehe ich in einem kleinen Gebetsraum und verbeuge mich vor den Buddhafiguren. Tief bewegt gehe ich nach einer Weile weiter. Das Dorf besteht aus vielen engen Wegen, die über abenteuerliche Treppenkonstruktionen rauf und runter führen. Auf dem Weg durch die schmalen Gassen, treffen wir eine alte, krummbuckelige Frau. Sie ist neugierig, wer ich bin und wo ich herkomme und was ich hier mache. Pasang übersetzt. Wir werden eingeladen zum Tee trinken. Puuh Milchtee, Glück gehabt. Hätte ich doch bloß mehr als ein Schächtelchen Lakritz, was ich ihr schenken könnte. Sie freut sich über das Ifa, so richtig ehrlich, nicht nur weil es sich gehört. Ob wir vielleicht das große Kloster sehen wollen. Sie muss eh noch hin, dann kann sie uns aufschließen. Na klar will ich das. Ich versuche diesen Kopftragekorb zu tragen. Boah, da ist fast nichts drin und ich kapituliere freiwillig nach wenigen Metern bergauf. Puuh, die Nepali tragen 25-35kg darin und das über viele Kilometer und bergauf und bergab. Mein Respekt steigt ins unermessliche. 20 Minuten später sind wir am Kloster und dürfen im Hauptgebetsraum eine Yakbutterkerze anzünden. Ich lerne mich „richtig“ zu verbeugen. Dann darf ich gucken. Alles ist bunt und ein bisschen naiv gemalt. Buddha sitzt wieder vorne und meditiert. Mein Kopf ist voller neuer Eindrücke. Wir schlendern ein bisschen durch den Klostergarten und gucken die vielen Mani-Steine an. Es ist ein bisschen bewölkt und nieselig als wir zurückgehen.

Im Hotel wird schon das Abendessen vorbereitet. Dal Bhat, was auch sonst. Der Hotelbesitzer zeigt uns einen Film, in dem sein Bruder die Hauptrolle spielt. Sein Bruder ist Guide und war schon über 50x auf dem Mount Everest. Er hält den Rekord im „oben ohne“ auf dem Berg stehen. Ich glaube, es waren 4,21 Minuten.

In der Nacht regnet es. Der Regen prasselt auf die dünnen Holzplanken und spielen so eine schöne Schlafmusik. Am nächsten Morgen geht es nicht „weiter“ sondern zurück. Schade. Auch wenn ich mich auf die Herausforderungen freue, die da auf mich warten. Der Regen der Nacht ist weggeblasen und wir laufen in der warmen Sonne. Phu liegt übrigens ca 4000m hoch. Das erste Symptom von Höhenkrankheit soll Appetitlosigkeit sein. Entweder es funktioniert bei mir umgekehrt, nämlich dass ich immer Hunger habe. Oder ich habe einfach keine Höhenkrankheit. Leichtfüßig gehen wir durch das Tal zurück. Gehen über Hängebrücken und auf schmalen Wegen. Kurz bevor mein Bauch Mittag verkündet, biegen wir ab. Wir wollen ja nicht ganz zurück nach Meta, sondern nach Nar. Durch weißen, feinen (rutschigen) Sand bis zu Hängebrücke, die hoch oben über der Schlucht thront und doch nur 3400m über dem Meer liegt. Nach einem kleinen Rundgang durch  das Kloster, flezen wir mit einigen Ziegen in der Sonne und genießen das mitgebrachte Mittagessen. Chapati und Kitkat. Eier gab es heute nicht. Und dann geht es bergauf. Nar liegt 4100m hoch. Jippih! Erstaunlich schnell und unanstrengend. Ich bin überrascht. Soll das so ein? Ehrlich, sind wir schon fast da? Oben erwarten uns eine Wolke und das Tor zum Dorf. Große und kleine Yaks grasen auf dem Weg und es geht flach weiter. Wow, was für ein großer Ort. Es gibt sogar 2 Straßenlaternen. Und das obwohl hier noch nie, nie, nie ein Auto war. Der Strom kommt zumeist aus Solaranlagen. Und ein bisschen aus Kerosingeneratoren. Heißes Wasser zum Duschen ist nur solargewärmt. Kühle Angelegenheit bei bedecktem Himmel. Zum ersten mal in meinem Leben dusche ich mit Mütze auf. Haare waschen verschiebe ich auf wärmere Gefilde.  Heute gehe ich besonders früh ins Bett. Morgen gehen wir vor Sonnenaufgang los. Um 3.30 Uhr aufstehen, damit wir kurz nach 4.00 Uhr loskommen. Kang La Pass, sei bereit.

Beim Aufbruch ist es stockfinster. Keine Sonne, keine Straßenlaterne… Nur mit dem Licht des Mondes und der Stirnlampen laufen wir durchs Dorf, aus dem Dorf raus und auf den Pass zu. Irgendwann gucke ich nach links und gucke direkt in 2 schwarze Augen, die mich interessiert mustern. Keinen Meter von mir entfernt steht ein Yak. Und noch eins und noch eins. Eine ganze Herde. Schon krass, was mein Gehirn alles an Eindrücken verarbeiten muss. Dieser Eindruck ist auf jeden Fall unter den ganz, ganz besonderes abgespeichert. Dann machen wir eine kleine Pause. Es wird heller. Geht ja ziemlich schnell hier. Kan Garu guckt mal wieder zwischen den Wolken hervor. Und dann macht jemand das Licht an. Ein rosarotorangener Lichtstrahl schiebt sich links vor den Berg. Wow. Sonnenaufgang im Himalaya. Ich muss ein bisschen blinzeln, weil alles in Glückstränen verschwimmt. Der Anstieg ist ziemlich anstrengend. Loser Kies und immer nur bergauf. Nach nur 4 Stunden sehen wir den Pass. Kurzer Fotostopp am Kang La Lake und dann die letzten Meter zum Pass rauf. Oh mein Gott, was bin ich stolz auf mich. 5320m hoch sitze ich auf dem Dach der Welt und kann mein Glück nicht fassen. Ich bin hier, ganz alleine hochgekommen. Nie hat ein Müsliriegel so gut geschmeckt, nie waren Kekse eine solche Delikatesse und nie vorher bin ich aus eigener Kraft so hoch oben gewesen.

Auf der anderen Seite ist eine weiße Wand. Bumm. Wolke. Kalt und feucht geht es weiter. Brr, das macht keinen Spaß. Der Weg ist steil und rutschig und mir ist kalt. Zum Glück wird mir beim Gehen warm. Und nach über 2000m bergab sind wir in der Zivilisation. Ich fühle mich fremd hier, gar nicht so vertraut wie die letzten Tage. Hier in Ngawal treffen wir wieder auf den Annapurna Circuit und damit auf die unvermeidlichen Touristen. Die Speisekarte im Restaurant bietet eine riesige Auswahl. Ich entscheide mich spontan für Dal Bhat. Pommes esse ich lieber in Belgien. Nach dem Essen gehen wir weiter nach Manang. Motorräder fahren an uns vorbei und unten im Tal liegt ein Flugplatz. Der ist allerdings nur saisongeöffnet und bestimmt nicht, während der Monsunzeit. Auf breiten Wegen kommen wir nach Manang. Das Hotel dort ist riesig und es sind viele andere Gäste da. Puuh. Ich mache erstmal einen kleinen Nachmittagsschlaf. Die Leute hier laufen alle den „Standard-Circuit“ und diskutieren lebhaft, wie anstrengend die letzte Etappe mit ihren 300 Höhenmetern war. Und was sag ich? 1300 Höhenmeter rauf, 2000 runter. Und ich fühle mich nicht so erschöpft, wie alle anderen erzählen. Von jetzt an, folgen wir auch dem Standard-Weg weiter.