12.03.2016

Und bis wir uns wiedersehen

Dieses Jahr ist flugtechnisch bislang wirklich gut. Und um diese gute Tradition nicht zu unterbrechen, sitze ich wieder am Flughafen - weg aus Trondheim tut einfach gut. Dieses mal geht es aber nicht nach Süden, sondern nach Norden. SAS soll mich nach Tromsø bringen. In Norwegen gibt es noch die guten alten Zwischenlandungen, Fliegen ist wie Zugfahren. Wir starten von Værnes und 45 Minuten später landen wir in Bodø. Diejenigen, die aussteigen wollen, steigen aus, es steigen neue Passagiere ein und weiter geht der Flug. Weitere 45 Minuten später sind wir in Langes, in Tromsø. Die Berge leuchten in der Sonne und die Luft riecht nach Salz. Die Stadt macht es mir leicht, mich wohlzufühlen. Auch wenn es schon 2 Jahre her ist, dass ich das letzte mal hier war, ist es wie nach Hause zu kommen. Ganz merkwürdig. Es ist als erinnere sich mein innerstes Ich an jede Straßenecke. Ich habe nicht einmal in die Karte geguckt, als ich durch die Stadt gelaufen bin. Mein innerer Kompass kennt den Weg. Das Wochenende verbringe ich mit einer Schneeschuhtour auf Kvaløya, der Nachbarinsel. Die Sonne scheint, der Schnee ist weiß und ich fühle mich wohl. 

Ein bisschen blöd habe ich sicher geguckt als im Gottesdienst in der Kirche in Tromsdalen (auch bekannt als Eismeerkathedrale) die Kollekte auch per Karte gezahlt werden konnte. Wie auch immer, ich habe mich willkommen gefühlt. 

Das Aquarium Polaria war da eher unspektakulär, fast schon langweilig. Schade - da habe ich Atlanterhavsparken vermisst. Da würde ich auch gerne mal wieder hingehen...
Der Hauptgrund, warum ich nach Tromsø geflogen bin, war mal wieder ein Kurs. Das letzte Modul in der Facharztweiterbildung. Administration und Krankenhausleitung. Schwieriges Thema, aber unglaublich gut präsentiert. Vortrag und Prüfung überlebt und vor allem Tromsø erlebt. 
Montag Abend hatte Nordlichtbericht einen Sonnensturm vorausgesagt. Begeistert habe ich mich auf den Weg zum Prestevatnet in der Mitte der Insel gemacht. Und was sehe ich da? Wolken, Wolken, Wolken. Na toll. Nicht ein einziger Stern ist zu sehen und natürlich auch kein Nordlicht. Aber einen schönen Spaziergang hatte ich. Mal wieder ohne Karte, ich habe ja die Berge zum Orientieren. Was für ein Glück. 

Das Bild ist ausgeliehen und nicht von mir!
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Dienstag versuche ich mein Glück wieder. Die Vorhersage ist nicht so prickelnd, aber probieren kann man es ja mal. Dieses mal in die Telegrafenbucht. Die ist wohl der beliebteste Nordlichtbeobachtungspunkt der Stadt. Ein paar Wolken sind am Himmel, aber ich sehe den einen oder anderen Stern. Ganz schwach sehe ich einen grünlichen Streifen am Himmel. Hallo Nordlicht, ich bin wieder da. Zufrieden kehre ich um und laufe zurück. Irgendwas bringt mich dazu den Kopf nach rechts zu drehen. Eine Fügung, denn da brennt der Himmel mit den magischen Flammen der geladenen Teilchen in der Atmosphäre. Ich traue mich kaum zu atmen, so schön ist es. In aufrechten Flammen wabert es über den Himmel, unten lila, dann weiß um an der Spitze grün zu werden. Das Licht bewegt sich über den Himmel und zentriert sich scheinbar über mir. Als würde der Himmel mir sagen wollen:


Mögen sich die Wege vor deinen Füßen ebnen,
mögest du den Wind im Rücken haben.
Und bis wir uns wiedersehn, und bis wir uns wiedersehn,
möge Gott seine schützende Hand über dir halten.
Und bis wir uns wiedersehn, und bis wir uns wiedersehn,
möge Gott seine schützende Hand über dir halten.

May the road rise up to meet you.
May the wind always be at your back.
May the sun shine warm upon your face,
and rains fall soft upon your fields.
And until we meet again,
May God hold you in the palm of His hand.

Må din vei komme deg i møte,
vinden alltid være bak din rygg,
solens lys leke på ditt kinn,
regnet falle vennlig mot din jord.
Og må Guds gode hånd verne om deg
til vi møtes igjen.

07.02.2016

Treffen in der Mitte - naja fast

Anfang Februar hat sich hoher Besuch aus den USA angemeldet. Zum Glück hatte ich das Wochenende frei und bin auf den Kontinent gedüst. Lange habe ich auf diesen Augenblick gewartet, ein starkes kleines Kerlchen, rund und gesund, wie es sich gehört. Ein ganzes Wochenende verbringen wir zusammen, reden, quatschen, klönen und haben es gut. Diese Momente machen das Leben für eine ganze Weile besonders schön. Und ganz nebenbei habe ich ein paar Flugsegmente gesammelt. Soll ja auch nicht zu kurz kommen, die Unterstützung der kommerziellen Luftfahrt. Jetzt muss ich bald eine längere Strecke fliegen, ich bekomme langsam schlimme Entzugserscheinungen.

02.01.2016

1 Jahr schon

Ein Jahr ist es her, dass ich mit schwerem Herzen auf den Weg gemacht habe. Ein Jahr ist es her, dass ich mit zitternden Knien morgens in der Frühbesprechung saß und nicht wirklich wusste, was ich denken soll. In diesen 365 Tagen ist viel passiert. Ich habe viel erlebt und viel gelernt. Nur eins weiß ich immer noch nicht. Wie es weitergehen soll und was ich eigentlich will. Die Idee nach Tromsø zu gehen ist reizvoll, aber was bringt es, wenn ich da keinen Job habe? Bergen - das gleiche Problem. Hübsche Stadt, hübscher Dialekt, aber grad keinen Job. Also weiter Suchen und weiter arbeiten.
Derzeit ist die Sonnenaktivität ziemlich hoch und Sonnenstürme kommen fast jeden zweiten Abend vor. Der eine oder andere Sturm ist so heftig, dass sich die geladenen Teilchen zu wunderlichen grünen Figuren sasmmeln und über unseren Köpfen tanzen. Nordlicht ist eine faszinierende Sache. Immer und immer wieder. So schön, so unbegreiflich und doch irgendwie fremd. Jedes mal, wenn sich das Nordlicht bei uns zeigt, stehe ich frierend irgendwo draußen und bestaune das Sprektakel. Tagsüber verbringe ich die Zeit (abgesehen vom arbeiten) mit der einen oder anderen Skitour in der näheren Umgebung. Das hat schon was für sich, aus dem Haus zu fallen und mit den Ski direkt loslaufen zu können.

24.12.2015

Kafkaesk

Da ist es schon wieder passiert. Das Jahr ist vorbei und ich weiß nicht, ob ich es gut finden soll oder nicht. Doch eigentlich ist es ganz gut, dass dieses Jahr endlich rum ist. Wenn ich das Jahr mit einem Wort beschreiben sollte, dann müsste ich nicht mal lange überlegen, 2015 ist gleichzusetzen mit Heimweh. Heimweh nach Sunnmøre, den Bergen, dem Regen, dem Meer, dem Wind und nicht zuletzt nach den Menschen. Im letzten Jahr saß ich Weihnachten voller Unsicherheit zu Hause und habe mich gefragt, wie es wohl in Trondheim ist. Vieles ist genauso geworden, wie ich es erwartet hatte, nämlich unendlich herausfordernd. Eine ganze Menge ist wirklich grauenvoll geworden und ein bisschen ist sogar ganz nett geworden. 

Nachdem Trondheim mich bis weit in den April nicht etwa mit Schnee, sondern mit Eis auf Straßen und Wegen verwöhnt hat, war es ganz kurz Frühling, dann eine Mischung aus Herbst und Winter und dann Sommer. Ich bin ein bisschen hier in den Stadtbergen und –wäldern spazieren gegangen, aber nicht wirklich zufrieden damit. Es sind ewig lange und eher langweilige Wege, geht kaum bergauf (nur vom Krankenhaus zu meinem Stall geht es die ganze Zeit bergauf, das ist aber ein anderes Thema) und Aussicht kennen die Menschen hier nur von Postkarten. 

Zum Glück hatte ich hin und wieder mal ein Wochenende frei – so denn die Dienstplanschreiberinnen das nicht vergessen hatten, geschehen im  Juli, als ich nach 26 Tagen ohne Pause arbeiten, Freitagabend auf dem Sofa saß und nicht wusste, was ich mit dem jungen Abend anfangen sollte. Der Sandmann hat mir die Entscheidung zum Glück abgenommen. An anderen freien Wochenenden habe ich meine 7 Sachen gepackt und bin entweder über Molde nach Ålesund gefahren – Urlaub für die Seele oder habe mich von den lieben Piloten von SAS nach Deutschland fliegen lassen. Kleine Oasen im Alltag, die mir in gewisser Weise zu einer Überlebensstrategie geworden sind. 

Überlebt und vor allem genossen habe ich 3 Wochen Urlaub in Armenien, dem kleinen Land zwischen der Türkei und Russland. Ein bisschen Wandern, ein bisschen Kultur, ganz viel Sonne, Gastfreundschaft und ein paar harte Landungen auf dem Boden der Realität. Nach dem Urlaub hat mich die Arbeit schnell wieder in ihre Klauen bekommen. Wobei, der Job als Oberärztin auf der Neo macht mir schon Spaß. So gesehen, ist diese St Olavs Sache ja doch ganz gut. Seit März darf ich Hintergrunddienste machen, was nichts anderes bedeutet, als dass ich einen Sklaven habe, der die Arbeit macht und mich nur dazu holt, wenn die Kinder wirklich krank sind. Diese Chance hätte ich in Ålesund so früh nie und nimmer bekommen. 

Ja und dann war plötzlich Dezember, die ersten 23 Tage sind vorbei und ich bereite mich seelisch auf 2 weitere Tage im Krankenhaus vor. Das ganze letzte Jahr war irgendwie unwirklich, kafkaesk. Ich hoffe auf ein etwas fassbareres 2016. Wo genau ich das nächste Weihnachten feiern werde, steht vorerst in den Sternen. Ich habe nicht mal den Anflug einer Idee, was im nächsten Jahr wird. 

Aber jetzt ist erstmal Weihnachten. Und auf einmal fühle ich mich ganz klein in der Welt und denke noch mal ganz anders über meine Probleme und meine Klagen nach. Habe ich es nicht doch eigentlich ganz gut? Ein Dach über dem Kopf, genug zu essen im Kühlschrank und seit 70 Jahren Frieden, das ist länger als ich mich erinnern kann. Die Grundvoraussetzungen sind mir geschenkt worden, dafür bin ich unendlich dankbar. Manchmal braucht es nur eine kleine Erinnerung – oder weihnachtlich ausgedrückt: da kommt ein kleines Kind zur Welt!

Fröhliche Weihnachten! God Jul!

20.11.2015

Wenn das Aufwachen falsch ist

Wieder einmal bin ich auf dem Weg nach Bergen. Schöne Stadt, schöner Dialekt. Kurzer Kurs. Nur 2 Tage, mehr bekomme ich nicht frei. Dieses mal fliege ich mit vielen Bekannten zusammen. Wir alle wollen zum gleichen Kurs. Na dann mal los. Kurzer wenig aufregender Flug. Sanfte Landung in Bergen. Weiter ins Hotel, einchecken und los zum ersten Kurstag.
Dort warten spannende Vorträge und weniger interessante Präsentationen. Und vor allem 4 Kollegen aus Ålesund.
Am spannensten ist mein eigener Vortrag. So ganz subjektiv betrachtet ist es gut gelaufen. Kaum dumme Fragen auf die ich nicht antworten konnte. Also alles kein Problem. Abends schlendere ich durch die Strassen und lasse die Hansestadt auf mich wirken, bevor ich mich mit Sushi ins Hotel zurückziehe.
Am nächsten Morgen gehen die Voträge weiter. Ich höre zu und versuche das zu behalten, was gesagt wird. Vieles zieht leider da rein und da raus. Vielleicht ein bisschen viel Information auf einmal.
Abends fährt mich der Bus wieder zum Flughafen. Jedes mal, wenn ich in Bergen zum Flughafen fahre, tauchen die Bilder wieder auf, wie wir durch und um die Stadt gefahren sind, immer verzeifelter wurden und dann irgendwann das Flugzeugsymbol sahen und uns gefreut haben, wie sonst was. Lang, lang ists her. Aber schön war's.
Der Flug nach Ålesund soll in etwa zur gleichen Zeit starten, wie der nach Trondheim. Ich schleiche ums Gate und würde zu gerne nur die halbe Strecke fliegen. Aber die Vernunft siegt und ich fliege über das schönste Dorf der Welt hinweg. Viel bekomme ich nicht mit. Ich schlafe tief und fest, wache erst auf als aus den Lautsprechern dröhnt, das wir gleich in Værnes landen werden. Mit einem mal bin ich wach und fast panisch. Wir haben uns verflogen!!! Wir sollten doch auf Vigra landen. So langsam kommt die Realität an und mit ihr das Heimweh.
 

22.10.2015

Nordpol oder Armenien, Nansen war da

Eher zufällig bin ich bei einer Googelei auf das Nansenmuseum in Yerevan gestoßen. Klar, dass ich da ein bisschen neugierig geworden bin. Ein Norweger in Armenien? Warum denn das?
Ein bisschen mehr gegoogelt, Wikipedia gefragt und schon wusste ich mehr. Fridtjof Nansen war nicht nur Polarforscher, hat also nicht nur den Nordpol auf Ski überquert und mit seinem Fram-Schiff neue Fahrwasser entdeckt. Er war ganz nebenbei auch Menschenrechtsaktivist und hat sich für die vielen Flüchtlinge dieser Welt eingesetzt. Nach eben diesen Nansen ist auch der Nansen-Pass benannt. Ein (damals) international anerkanntes Reisedokument, das staatenlose Flüchtlinge bekommen konnte, um zumindest die Möglichkeit zu haben, in irgendeinem Land Asyl zu beantragen. Heute hat die UN ein ähnliches System. Heißt nur nicht mehr Nansen-Pass.

Soviel also zum Hintergrund. Ich habe mich auf den Weg gemacht. Das Nansenmuseum, die Nansenkirche und der Nansenpark sind am anderen Ende der Stadt. Ich habe eine Straßenkarte von der innersten Innenstadt Yerevans. Nicht von den Hochhaussiedlungen drumherum. So in etwa weiß ich, wo ich hin will. Und mein Handy hat GPS. Was ich nicht bedacht hatte, dass Open Street Maps ja nicht immer auf dem allerneuesten Stand ist und Yerevan sich sehr, sehr, sehr schnell verändert. Die erste Stunde habe ich das Gefühl, den Weg zu finden, den ich mir ergoogelt hatte. Dann laufe ich durch eine Baustelle, die Google nicht kannte und dann? Ja, dann bin ich wohl in Yerevan angekommen. Scheinbar eine gutbürgerliche Wohngegend. Es ist so unendlich schön, einfach durch die Straßen zu schlendern und den Frauen beim Plausch am Gartentor zuzusehen, den Kindern beim Fußballspielen und den Männern beim Schachspielen im Schatten. Der Weg führt mich weiter und ganz plötzlich bin ich wirklich, wirklich in einer dieser Hochhaussiedlungen gelandet. Das, was ich bisher nur aus dem Fernsehen und aus Geschichten über Russland kannte, ist jetzt Wirklichkeit und ich stehe mittendrin. Hohe, graue Plattenbauten, Frauen in Kittelkleidern und sonst nichts. Ich weiß nicht, was ich fühlen und denken soll. Nehme es aber als Erfahrung mit nach Hause. Surrealistisch!

In einem kleinen Laden kaufe ich mir ein UDSSR-Eis, laufe weiter und gucke hier und da mal aufs Handy. So grob laufe ich in die richtige Richtung. In einem Supermarkt mache ich Pause, kaufe mir was zu trinken und überlege, warum ich eigentlich keine Flusskrebse gegessen habe, während ich hier war. Die scheinen Frisch zu sein. Auf jeden Fall krabbeln und krebsen sie in ihren Becken rum. Diese armenischen "Yerevan City" Märkte sind beeindruckend. Die Auswahl deutlich größer als in Norwegen. Eine riesige Süßigkeiten und Keks-Abteilung, ein kilometerlanges Milchprodukteregal und eine Obst- und Gemüseauswahl, die ihresgleichen sucht. Sogar das 2. Wahl Obst und Gemüse kann man hier kaufen.

Als die Sonne am stärksten scheint und ich das Gefühl habe, gleich zu schmelzen, bin ich schon dabei zu beschließen umzudrehen. Det er ingen skam å snu, es ist keine Schande umzudrehen. Da ich aber nicht genau weiß, wohin ich gehen soll, frage ich mal wieder mein GPS. Open Street Maps meint, ich wäre gleich da. Auf dem Weg liegt eine Kirche. Und da Sonntag ist, ist da voller Betrieb. Ein Weile stelle ich mich dazu und genieße den Gottesdienst. Auch wenn ich kein Wort verstehe, gefallen mir die Gesänge. In der Kirche herrscht stetes Kommen und Gehen. Kerzen werden verkauft und mir fällt es schwer dem Ablauf zu folgen. Irgendwann gehe auch ich. Nach einer weiteren Viertelstunde, sehe ich plötzlich auf einem blinkenden Straßenschild den Namen "Nansen". Dann wird das hier wohl ganz in der Nähe sein. Erst durch den Park, der zugegeben etwas kümmerlich scheint, dann irgendwie durch den Hinterhof eines Restaurant und schwupps schon bin ich an der Kirche und dem Museum. Das Museum hat natürlich zu... Scheint aber auch nicht soooo groß zu sein. Es ist ein kleiner runder Bau, vielleicht 3m im Durchmesser. Eine Infotafel erzählt, wer Nansen war weist auf die überlebensgroß Statur. Diese Ecke der Stadt ist wirklich nett. Es ist immer noch warm, aber nicht mehr brütend heiß. Ich setze mich auf eine Bank und gucke dem Treiben um mich herum zu. Die Kinder, die offenbar Teil einer Hochzeitsgesellschaft sind, spielen und Tanzen im Hof. Kurze Zeit später kommt der Priester (ich tippe mal, dass er Priester war, er trug auf jeden Fall einen Talar) und tanzt mit.


16.10.2015

Yerevan - neureich oder was?

Yerevan, Jerewan oder auch Eriwan, lauter Namen für die gleiche Stadt. Die quirlige Innenstadt brummt von früh bis spät und über allem wacht die Kaskade. Eigentlich nichts weiter als eine Treppe, aber nachts angestrahlt und mit deutlich südländischem Flair.

Entstanden ist die Stadt an den Ufern des Hrazdan Flusses. Heute ist der Fluss zumindest im Sommer eher ein klägliches Rinnsal. Yerevan gilt als eine der ältesten kontinuierlich besiedelten Städte der Welt. Gar nicht weit von der Stadt erhebt sich der große Ararat Berg, dort wo Noah mit seiner Arche gelandet sein soll. Der Berg ist eines der nationalen Symbole Armenien, obwohl er gar nicht in Armenien ist. Wo genau Armenien anfängt und aufhört, ist Ansichtssache. Ich habe mich entschlossen, die derzeit geltenden international anerkannten Grenzen als meine Anhaltspunkt zu nehmen. Und demnach steht der Ararat in der Türkei.

Also Yerevan. Schon bei meiner Ankunft war es warm. Und dabei war es doch mitten in der Nacht. Das Hostel, völlig in Ordnung, aber eben warm. Ein erster Spaziergang durch die Stadt und ich bin total überwältigt. In der großen Flaniermeile reihen sich die Designergeschäfte aneinander und neureiche Armenier und Russen geben sich bei Armani, Porsche und Dior die Klinke in die Hand. Diese eine Hauptstraße könnte in jedem x-beliebigen reichen Land sein und ist gar nicht typisch für irgendwas, außer für Menschen, die zeigen wollen, dass sie Geld haben. 

Vor allen großen und wichtigen Gebäuden sind große Plätze, die zu jeder Tages- und Nachtzeit von vielen Menschen als Treffpunkt und soziales Zentrum genutzt werden. Herrlich! Kinder laufen herum, Erwachsene trinken Kaffee oder Bier/Wein/Kognak und klönen. Das ist Urlaub, weil es einfach so anders ist, als das schlichte Nordeuropa.

Am Republickplatz, direkt vor dem Nationalmuseum ist eine Sprinbrunnenanlage, die nachts zu einem Medley der bekanntesten Musikstücke eine Wasser-Licht-Show zeigt. Wie schon in Doha, bin ich ein bisschen verzaubert und gucke immer und immer wieder hin. Auch hier wimmelt es von Menschen. Urlaubende Iraner und Russen, Touristenguides, die die erstgenannten mit günstigen Angeboten locken wollen und natürlich der eine oder andere Süßigkeiten- und Blumenverkäufer.

Da Yerevan ja eine alte Stadt ist und viel Geschichte zu erzählen hat, habe ich mir das eine oder anderen Museum angeguckt. Nationalmuseum gehört für mich einfach zu einem guten Urlaub dazu. Nirgendwo sonst bekomme ich so schnell und übersichtlich einen Überblick über die gesamte Geschichte, Kunst und Kultur, sowie die Sitten und Bräuche eines Landes. Auch das armenische Nationalmuseum hat einiges zu zeigen gehabt. Schön wäre nur die Beschreibung auf englisch zu -allen- Exponaten. Meine Russisch- und Armenischkenntnisse haben da nämlich nicht weitergeholfen. Yerevan ist von der UNESCO zur Weltbuchstadt ernannt worden. Um das besser zu verstehen bin ich in das Martenadaran Museum gegangen. Dort sind viele wichtige Literaturreliquien ausgestellt, die das Leben und die Kultur der alten Armenier zeigen. Mir persönlich haben die Schätze wenig gesagt, aber toll ist es schon, ein ganzes Museum für Bücher zu haben.

Beeindrucken war der Besuch im Naturmuseum. Das gehört zur Universität und ist nicht besonders frequentiert. Leider, wie ich finde. Denn die Ausstellungen haben ganz klar ihren Charme und zeigen viel von der Flora und Fauna des Landes. Insgesamt liebevoll gepflegt und ganz sicher nicht überladen. Ich wurde bei meinem Besuch persönlich begrüßt und mir wurden alle Exponate einzeln erklärt und gezeigt. Ich war halt der einzige Besucher des Tages...

Deutlich bekannter ist das Genozid-Museum. Hier hat der alte Hitler einen großen Teil seiner Ideen her. In "Mein Kampf" soll er sogar den Genozid an den Armeniern erwähnt haben. Frei nach dem Motto: Wenn die Welt hier nicht Stopp geschrien hat, kann ich es auch machen, ohne Konsequenzen zu befürchten. Schon von weitem sieht man das Mahnmal. Wie eine Spitze Nadel sticht es in den Himmel und will allen Menschen sagen: Nie wieder! Oder wie die Armenier es Ausdrücken: Ich erinnere und frage nach. I remember and demand. Bei der Planung des Infozentrums war sicher ein Skandinavier beteiligt. Klare Linien, nichts zu viel und sehr tiefgründig wird die Geschichte des Völkermordes an den Armeniern dargestellt. Alle Fakten mit genau soviel Emotionen, dass es nicht steril und entkoppelt wirkt, aber eben kein Anklagen, kein Verdammen und Jammern. Wenn das mal so in den Herzen und Köpfen der Durchschnittsbevölkerung ankommen würde, wäre schon viel getan. Ich gehe mit gesenktem Kopf aus der Ausstellung. Hätte, hätte, hätte. Die Geschichte des Völkermordes ist brutal. Was mir gar nicht klar war, das Wort Genozid ist zum ersten mal eingesetzt worden, als es darum ging, den Mord an den Armeniern zu beschreiben. Auch hier hoffe und bete ich wieder, dass ich so eine Grausamkeit nie im leben erfahren muss. Und dass die Welt nicht wieder die Augen zu macht. Ich will so gerne versuchen, meine Augen nicht zu schließen. Ich will so gerne den Mut haben, aufrecht zu stehen und laut zu sagen, was Unrecht ist, mich dazwischen stellen und ein kleines bisschen Frieden bringen. Ich wünsche so sehr, dass ich mutig genug bin, meinen Traum so zu verwirklichen.

01.10.2015

Kloster, Kirchen und Kapellen

Als ich frisch aus Nepal zurück war, hatte ich nur ein Ziel. Möglichst schnell wieder auf einen, am besten hohen, Berg zu kommen und tagelang zu wandern, ohne dabei ein Auto zu sehen. Armenien schien sich anzubieten. Nicht immer ist alles so, wie es auf den ersten Blick aussieht. Die Wanderwege in Armenien sind ja nicht unbedingt Wanderwege. Einige gibt es eigentlich gar nicht und andere sind eher Landstraßen. Dazwischen sind aber auch wundervolle Hirtenpfade, die fernab von Autos und Internet auf die Berge führen. 

Und neben den Bergen, die mal hoch und steil, mal grün und hügelig sind, stehen immer wieder Kirchen und Kapellen, die zu den vielen (inzwischen verlassenen) Klöstern des Landes gehören. Armenien ist als erstes Land der Welt christlich geworden. Damals im Jahr 301 hat der armenische König kurzerhand bestimmt, dass sein Land von nun an christlich sein soll. Hat gut geklappt, denn heute, knapp 1700 Jahre später, wimmelt es im Land von christlichen Kirchen, Klöstern und Kapellen. Die meisten sind wohl schon etwas älter und werden zum Teil anderweitig genutzt, aber insgesamt prägt ein sehr christliches Bild das Land.

Eines der bekanntesten Kloster liegt in Geghard, gar nicht weit von Yerevan entfernt. Heute wird die Kirche von Unmengen Touristen besucht - klar, so dicht an der Stadt und ab und zu darf wohl auch mal jemand hier heiraten oder sein Kind taufen lassen. So richtig habe ich das Prinzip aber nicht verstanden. Als ich die Klosteranlage in Noravank besucht habe, kam da gerade so eine Taufgesellschaft, um ihr Baby taufen zu lassen. Völlig unbeeindruckt haben andere Touristen und Besucher sich weiter die Kirche angeguckt. Einfach anders, als ich es gewohnt bin.

Die Klöster von Haghpat und Sanahin sind weniger bereist. Sie liegen etwas dezentralisiert, fernab von der großen, quirligen Hauptstadt. Ich bin mit einer Reisegruppe dorthin gefahren. Auch mal eine Erfahrung. Morgens in einem kleinen Bus los, durch das halbe Land. Immer wieder wird der Unterschied zwischen den reichen Städtern und der eher armen Landbevölkerung deutlich. Ja ok, die Menschen leben schon in Häusern. Aber viele Autos habe ich nicht vor den einfachen Häusern parken sehen, dafür Eselkarren und getrockneten Mist, der als Brennstoff dient. Die Umgebung wird auf dem Weg nach Haghpat immer "sowjetischer". Es ist wie schon vorher häufiger. Irgendetwas löst in mir das Gefühl von Sowjetzeit/DDR aus. Merkwürdig... Dazu kommt eine trollske Stimmung mit Nebel und Nieselregen. Es passt gut zusammen. Das Kloster von Haghpat steht auf der Weltkulturerbeliste der UNESCO. Es ist schon lange nicht mehr als Kloster in Betrieb, aber ab und an verirrt sich doch ein Tourist hierher. Der Ort an sich ist auch sehr speziell. Vielleicht hätte ich den eher auf die Welterbeliste gesetzt? Es gibt ein Oberdorf und ein Unterdorf. Eigentlich genau wie in Helgoland mit dem Oberland und dem Unterland. Nur hier gibt es keinen Fahrstuhl, der die beiden Ortsteile verbindet, sondern eine Seilbahn. Ursprünglich wurde die gebaut, um die arbeitenden Männer aus dem oberen - dem Wohnstadtteil - in den unteren - den Arbeitsstadtteil - zu befördern. Heute leben auch "unten" Menschen. Unten ist tief in einer Schlucht. Ob die Menschen hier jemals den Himmel sehen weiß ich nicht. Dichter Dunst, vermutlich nicht nur Nebel, sondern auch andere Schwebstoffe, verschleiern die Luft. So für einen halben Tag faszinierend, aber für länger?

Aber das Kloster, ja. Also nicht mehr als Kloster in Gebrauch. Mäßig gut erhalten.Hier und da hat sich die Natur zurückgeholt, was ihr vor vielen hundert Jahren mal genommen wurde. Es wachsen also Kletterpflanzen durch das Dach. Ich mag das ja leiden, auch wenn es nicht so gut für die Bausubstanz ist. Insgesamt ein recht großer und gepflegter Komplex, der in einen ganz normalen armenischen Friedhof übergeht. Auch wenn das Kloster nicht mehr als Kloster genutzt wird, wird die Kirche doch von der heimischen Bevölkerung genutzt. Gottesdienste sind hier ganz anders, man scheint kommen und gehen zu können, wie es einem passt und Interaktion zwischen Pastor und Gemeinde gibt es nicht. Aber Kinder werden in der Kirche getauft, Paare werden getraut und Tote beerdigt. Ich schlendere über den Friedhof und genieße, dass es anders ist, als die nordeuropäischen Friedhöfe. Die Grabsteine zeigen in der Regel das Bild des Verstorbenen. Gerne in einer Alltagssituation. Nicht immer steht Geburts- und Sterbedatum dabei. Und damit die Toten nicht weglaufen oder die bösen Geister auf dem Friedhof bleiben und nicht ins Dorf können (oder ganz simpel, damit die Schafe und Ziegen nicht auf dem Friedhof herumtrampeln) sind um viele der Gräber Zäune. Einige Familien konnten sich keinen adäquaten Zaun leisten und haben deswegen die Bettpfosten der Oma um ihr Grab gestellt. Ein bizarrer Anblick...


Auch das Kloster in Sanahin liegt auf einem Berg und wird nun mehr als Gemeindekirche benutzt. Besonders fasziniert hat mich der ehemalige Vorratsraum. Dort sind eine Art alte Kühlschränke eingebaut. Also Löcher im Boden, wo die Mönche ihr Essen aufbewahren konnten. Dort zu stehen ist so unwirklich. Im Nebenraum sind Priester und Mönche beerdigt. In früheren Zeiten wurden die Klosterangehörigen in der Kirche beerdigt. Da es damals üblich war, sich die Schuhe vor dem Betreten des Klosters auszuziehen, konnten sich die Mönche und Priester sicher sein, dass damals niemand mit Schuhen auf ihren Gräbern herumläuft. 

Jedes armenische Kloster hat seine großartigen Besonderheiten und alle haben etwas ähnliches. In allen stehen Kreuzsteine, die an große heilige Menschen, Taten und Orte erinnern. Und in allen Klöstern und Kirchen ist der Altarraum erhalten und weiterhin als solcher zu erkennen. Fast überall lag ein Altartuch auf dem Altar. Und das nicht schon seit 1700 Jahren, sondern aller höchstens seit ein paar Tagen. 
In einer Kirche habe ich mit einer Mischung aus Neugier und Erschrecken beobachten dürfen, wie eine Frau dem Priester ein Huhn gab, das er bitte opfern sollte. Eine andere Welt hier.

26.09.2015

3 Gipfel in 2 Tagen

Als ich im letzten Jahr nach Urlaubsalternativen gesucht hatte, bin ich ja über den Ararat auf Armenien gekommen. Ein bisschen hat es gedauert, bis ich raus gefunden hatte, dass der Ararat in der Türkei liegt, der Aragat aber in Armenien. Würde man einen national-konservativen Armenier fragen, würde er die Frage wohl etwas anders beantworten, aber geopolitisch liegt der Ararat derzeit im Gebiet der Türkei.
Wie dem auch sei, ich wollte auf jeden Fall die 4000m auf einen der Aragat-Gipfel laufen. Das Berglein im Westen Armeniens ist ein alter Vulkan und hat sich bei einem früheren Ausbruch mal selbst in die Luft gejagt. Jetzt steht noch eine Art Krater mit 4 Gipfeln. Der niedrigste, der Südgipfel, ist leicht zu erreichen. Bis kurz davor geht eine mehr oder weniger gute Autostraße an deren Ende ein Hotel, ein astrophysisches Institut und eine meteorologische Station sind. Da das Wetter hier in der Gegend nicht immer stabil ist, werde ich die Nacht in der Wetterstation verbringen. Das ist nur so halb legal. Die Meteorologen, die hier arbeiten, vermieten 2 ihrer Räume. Schwarz versteht sich. Das finden die Hotelbesitzer nur so mäßig gut. Auch irgendwie verständlich. Allerdings ist der Preisunterschied so beeindruckend, dass ich nicht lange überlegen musste, wo ich lieber übernachten will.
Kurz das Bett gecheckt - hier werde ich nicht rausfallen... Und dann los auf die ersten zwei Gipfel. Ein entspannter Spaziergang auf den 3879m hohen Südgipfel. Der Weg ist gut, es ist nicht so steil und es laufen mehr oder weniger Menschenmaßen auf diesen Gipfel. Weiter geht es auf den Westgipfel. Ein schmaler Pfad führt mehr oder weniger senkrecht die Kraterwand hinunter. Anfangs versuche ich mich Schritt für Schritt den Weg runter zu arbeiten. Mit der Zeit geht es besser und ich laufe astronautenmäßig gleitend den weichen Sand runter. Nach 300 Höhenmetern stehe ich am Kraterrand und gucke in eine Mondlandschaft. Total faszinierend. Und dann heißt es, bergauf klettern. Während der Weg zum Südgipfel ein entspannter Spaziergang war, ist dieser Aufstieg ein Vorgeschmack auf morgen - wenn ich auf den Nordgipfel, den höchsten, den Hauptgipfel will. Es geht steil bergauf und ich muss mich oft mit beiden Händen festhalten, damit ich weiterkomme. Ich bin sehr zufrieden mit mir und der Welt, als ich nach knappen 1,5 Stunden auf 4001m Höhe stehe. Die kleine grau-schwarze Wand am Himmel lässt sich nicht ignorieren und ich beeile mich wieder in die Wetterstation zu kommen. Die ersten Tropfen erwischen mich doch. Begeistert bin ich nicht, aber unendlich erleichtert, als der Wolkenbruch wirklich losgeht. Die halbe Nacht schüttet der Himmel sich aus, Blitze zucken, es donnert. Und ich sitze im Warmen, trinke Tee und lasse es mir gut gehen.
 

Am nächsten Morgen hat es aufgehört zu regnen, als wir losgehen ist es kühl und beginnt gerade zu dämmern. Den ersten Teil des Weges kenne ich schon von gestern. Nach 2 Stunden sind wir am Südgipfel vorbei und auf dem Weg in den Krater. Nach dem ersten Schneefeld kommen wir zu einigen großen, flachen Steinen, die von der Sonne schon ein bisschen angewärmt sind. Hier ist es Zeit, eine Pause zu machen und zu frühstücken. Lavash, Käse, Paprika und Schinken, dazu die Musik der Stille. Hier ist nichts weiter zu hören als der Wind und hin und wieder ein paar Steine, die die Kraterwand runterrollen. Der Krater ist größer als, es von oben aussieht. Der Weg ist zeitweise ein wenig lang, aber was solls. Ich habe Urlaub und vor allem habe ich Zeit. Mitten im Krater blubbert eine kleine Quelle aus dem Boden. Hovik, der Bergführer versichert mir, dass man das Wasser ohne Bedenken trinken könne. Erst bin ich etwas skeptisch. Aber Horvik schwärmt so von dem Wasser. Mmmh, dann probiere ich es doch. Zum Glück war ich vorbereitet auf das, was mich da überrascht hat. Das Wasser schmeckt ganz deutlich nach Zitrone, naja und dann kommt ein etwas metallischer Nachgeschmack. Der ist nicht so lecker, aber dieses zitronige ist faszinierend.
Auf dem Weg die Kraterwand auf der anderen Seite hoch, höre ich das reichlich schäppernde geräuschartige Musik. Ich bin, milde gesagt, nicht sehr begeistert und will schon anfangen diese Alt-Männer-Gruppe aufs wildeste zu beschimpfen, als Horvik mit großen Augen stehen bleibt und lauscht. Bevor ich den Mund aufmachen kann, übersetzt er mir den Text des Schepperns - es geht um Freiheit, um die Möglichkeit ohne Angst seine Meinung sagen zu können. Im gleichen Atemzug fügt er hinzu, dass er diese Musik nur mit Kopfhörern in einem schallisolierten Raum hören würde. Alles andere fände er zu riskant. Schließlich wüsste man ja nie, wer mithört. Ui... Da habe ich ein bisschen was zum Nachdenken. Irgendwann werden meine Gedanken aber durch das Bergaufgehen in den Hintergrund gedrängt. Ich habe das Gefühl, mich aufwärts zu kämpfen und kein Stück voran zu kommen. Nach einer Weile gucke ich hoch und traue meinen Augen kaum. Da ist der Gipfel nur noch ein paar Schritte entfernt. Eine ganze Energiewelle erreicht mich und wutsch, bin ich oben. Erschöpft von den 5 Stunden, die es gedauert hat durch den Krater zu laufen und dankbar den undenkbar blauen Himmel sehen mit der strahlenden Sonne zum Greifen nah zu haben.
Klar, dass ich auch hier ein paar Erinnerungsbilder machen möchte. Während ich mich gut gelaunt mit der Kamera in der Hand hierhin und dahin drehe, packt Horvik Kekse, getrocknete Früchte und Schokolade aus. Kaum habe ich mich hingesetzt, kommen auch die 4 Herren. Beim genauen Hinsehen sind sie viel älter, als ich vermutet hatte, eher so Mitte/Ende 60. Einer von ihnen spricht mich auf armenisch/russisch an - er hat beides versucht, ich beides nicht verstanden. Genauso fließend wechselt er ins englische. Ich traue meinen Ohren kaum. Er stellt sich und seine Kameraden vor und fragt, wo ich herkomme und wie ich auf die Idee gekommen bin, in Armenien wandern zu gehen. Eine nette Unterhaltung bei Wasser, Keksen und Konfekt - logisch in den Bergen teilt man.
Nach einer Weile erzählt der älteste der Gruppe, dass diese 4 sich jedes Jahr 1-2 mal treffen. Ab und zu gehen sie wandern, mal verbringen sie nur einen Abend zusammen. Seit vielen, vielen Jahren machten sie das schon, seit sie sich in Sibirien kennengelernt hätten. Kumpelhaft klopft er seinem Nachbarn auf die Schulter und lächelt. Ich fühle mich plötzlich noch kleiner in dieser Welt. Weiter gefragt habe ich nicht, wie und unter welchen Umständen dieses Kennenlernen stattgefunden hat. Alle 4 Männer erzählen mit einer ungebrochenen Lebensfreude von Bergtouren bei Sonne und Regen von ihren Familien und Zelttouren am Sevan-See.
Nach einer Weile brechen wir auf. Wir wollen wieder in die Wetterstation, die 4 zu ihrem Zelt zurück. So trennen sich unsere Wege. Wenn ich jetzt ganz spontan einen oder mehrere Helden benennen sollte, dann diese 4 Freunde. Die werden ja keine Ferien in Sibirien gemacht haben... Bewegt von den Erlebnissen des Tages ist der Rückweg leider nicht kürzer als der Hinweg. Im Gegenteil, er ist steiler und gefühlt ein ganzes Stück länger. Irgendwann erreichen wir die Wetterstation und dankbar setze ich mich auf einen der Stühle, trinke die eine oder andere Tasse Tee. Lange wird der Abend nicht. Ich bin ziemlich müde und lustigerweise stört mich das rausfallsichere Bett jetzt auch gar nicht mehr.




13.09.2015

Ein bisschen Sowjetzeit ist geblieben

Jahrzehnte lang hat Armenien zur Sowjetunion gehört. Das hat die Menschen deutlich geprägt. Auch heute noch ist Russland ein wichtiger, wenn nicht sogar der wichtigste Verbündete in der Welt. Die Armenier sehen in der Sowjetzeit die gute alte Zeit. Alles war besser damals. Tja, vielleicht war von außen gesehen nicht alles besser, aber für den einzelnen hatte die Rigidität der damaligen Zeit bestimmt was gutes. Die Analphabetenrate unter der "Erwachsenen" Bevölkerung ist erstaunlich gering, die meisten sprechen nicht nur Armenisch sondern auch Russisch. Gratis Schule für alle, eine solide Gesundheitsversorgung und einen (schlecht) bezahlten Job. Und dann kam die Wende, bzw. hier ja die Auflösung der Sowjetunion. Plötzlich haben die Menschen ihre Arbeit verloren, hatten keine Chance mehr auf Bildung und mussten plötzlich für die Gesundheitsversorgung selber aufkommen. Kein guter Tausch. Dass die dauernde Bespitzelung mit dem Zerfall der Sowjetunion ebenfalls aufgehört hat, wird geflissentlich übersehen. Viele junge Männer arbeiten - schwarz natürlich - in Russland auf Baustellen. Im Winter sind sie in Armenien und unterstützen die Heimbrennerei.

Nicht nur in den Köpfen, sondern auch in der Öffentlichkeit ist ein bisschen der Sowjetzeit geblieben. Es gibt ein UDSSR-Eis, Vanilleeis mit Schokoladenüberzug, essbar, aber nicht so lecker. Und die Stimmung in den kleineren Städten ist irgendwie wie in der DDR damals. Ich weiß auch nicht so genau warum. Als ich in Jermuk abends durch die Stadt geschlendert bin, kam es mir vor, als würde ich durch Neubrandenburg direkt nach der Wende laufen. Klar, die Häuser haben eine wunderliche Farbe, ein bisschen grau, aber doch nicht grau. Vielleicht ist es auch die Architektur oder der Aufbau der Stadt. Ich habe keine Ahnung. Es ist surreal...

In den meisten Orten sind Geschäfte, Apotheken und vor Autowaschanlagen nicht nur auf Armenisch, sondern auch auf Russisch ausgeschildert. Ich glaube, als Russe in Armenien Urlaub zu machen ist ne gute Idee.
Selbst beim Essen muss "der Russe" sich nicht umstellen. Zumindest gibt es in den großen Supermärkten ein reichhaltiges Angebot von Lebensmitteln mit russischer Beschriftung. In den Supermärkten ist die Zeit übrigens nicht stehen geblieben. Hier ist der Kommunismus längst in Vergessenheit geraten. Die Auswahl ist überwältigend. 5 Jahre real gelebter norwegischer Sozialismus mit staatlich regulierten Erscheinungsdaten für neue Waren haben ihre Spuren hinterlassen. Ich verbringe mehr als eine Stunde im Supermarkt und staune. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Neben einer reichlichen Auswahl an diversen alkoholischen Getränken, hat jeder Supermarkt eine Süßigkeiten Abteilung, die mich verführerisch anlächelt. Trotz gesteigertem täglichen Konsum, habe ich es am Ende des Urlaubs nicht geschafft, alles probiert zu haben.

Und wieder ein Vulkan

Kauft man in Armenien Mineralwasser in Flaschen, wird man unweigerlich auf "Jermuk" stoßen. Das Wasser kommt aus dem gleichnamigen Ort und soll wegen der enthaltenen Mineralien besonders gesund sein. Schmeckt ein klitzekleinesbisschen salzig, aber nicht schlimm. Getrunken hatte ich schon mehrere Liter Jermuk, bevor ich im Ort war. Ein kleines Dörfchen mitten im Nichts. Plötzlich steht vor mir ein riesiges Gebäude. Ein Hotel und lauter dicke Autos davor. Holla die Waldfee, es scheint eine Menge reicher Leute hier zu geben. Das Örtchen war zu Sowjetzeiten ein Kurort. Heute werden die Leute nicht mehr zwangsweise hierher geschickt, sondern kommen freiwillig, um sich in einem der Spas behandeln zu lassen. Es wimmelt gerade zu von armenischen, russischen und iranischen Touristen. Nur knapp 10km vom Ortszentrum - also dem größten Hotel - entfernt ist eine heiße Quelle in der man baden kann. Da geht es hin. Die Sonne brennt und ich wünsche mir ein bisschen Schatten. Ein Schild warnt vor den Bären, die hier wohnen. Zu gerne würde ich mal einen sehen. Aus sicherer Entfernung versteht sich. Nach nicht mal 2 Stunden und einigen Flussdurchquerungen ist das Quellchen da. Niedlich. Ein Loch im Boden, aus dem Wasser blubbert. Riecht nicht mal intensiv. Zum Test halte ich erstmal meine Füße rein. Das Wasser ist angenehm warm. Samuel hat heute morgen Fisch gekauft. Frisch aus dem Sevansee. Jetzt sammeln wir ein paar Zweige und Zapfen und machen den Grill an. Grillen ist Volkssport in Armenien. Auf allen Rastplätzen stehen Grills, mindestens 2. Auch hier an der Picknickstelle steht so ein metallenes Ungetüm. Schnell brennt ein Feuer und bald kann sich der Fisch auf dem Rost wenden lassen. Dazu gibt es, wie immer Lavash, Gurken, Tomaten und Paprika. Ein köstlicher Duft zieht durch die Luft. Der Geruch übertreibt nicht, dieser Fisch gehört zu besten, die ich je gegessen habe. Außen knusprig mit geschmacksexplosiver Marinade, innen saftig und zart. Dazu Tomaten, die so tomatig schmecken wie nichts anderes auf der Welt. Ein gelungenes Mahl. Abwaschen muss Dank Lavash-Teller nicht sein und so runde ich den Nachmittag mit Warmwasserplanschen ab. Wieder im Ort, mache ich noch einen Spaziergang und gucke mir die Mineralwassergalerie an. Das Thermalwasser kommt mit unterschiedlichen Temperaturen aus der Erde - genau so wird es auch gezeigt. Allerdings nicht mehr in der ursprünglichen Quellform, sondern aus Rohren in der Wand. Probieren darf man es auch. Schmeckt ein bisschen salzig. Ach, wie war das noch mal mit dem cook it, peel it or forget it? Ja genau, ich habe das kochen und abschälen vergessen. Ein paar neue bakterielle Bekanntschaften in meinem Bauch gehören zu einem guten Urlaub dazu. 

Am nächsten Morgen geht es mir gut wie eh und je - ich geb nichts mehr auf solche Leitsprüche. Frisch gestärkt nach einem mäßigen Frühstück geht es durch die Schlucht und dann weiter nach Stonehenge oder zumindest dem armenischen Äquivalent.

10.09.2015

In einem schwarzen Lada übers Land

Nach dem mir unverständlichen Ausflug nach Dilijan, weiter nach Tsaghkashen. Während Yerevan doch sehr westlich und modern war, ist in diesem Örtchen die Zeit stehen geblieben. Zumindest teilweise. Da die Winter hier auf über 2000m Höhe doch recht kühl werden können und die Häuser nur suboptimal isoliert sind, brauchen die Leute andere Heizmaterial. Kuhfladen eignen sich ja hervorragend dafür. Also gibt es vor jedem Haus aufgetürmte, getrocknete Kuhfladen. Der Strom, der durch die eine oder andere Wasserkraftanlage gewonnen wird, scheint ausnahmslos für die großen Nachbarn im Norden bestimmt zu sein. Die Gasleitungen laufen hier oberirdisch und machen alle paar Meter mal einen Bogen nach oben. Sieht ein bisschen speziell aus, aber scheint gewollt zu sein.
Bevor wir im Dorf Tsaghkashen ankommen, machen wir, im Nieselregen, einen Stopp auf dem größten Kreuzsteinfriedhof der Welt. Hier gibt es ca 900 Kreuzsteine oder Chatschkare, auf armenisch. Alte und neue, kunstvoll verzierte und weniger filigran geschmückte. Die kleinen wiegenförmigen Steine sollen Kindergräber sein. Ganz schön viele. Mmmh. Chatschkare sind nicht nur Grabstein sondern auch Erinnerungsstein. Sie können daran bzw an denjenigen, erinnern, der hier eine große Spende gespendet hat. Oder an einen militärischen Sieg. Oder daran, dass hier eine Brücke, Straße, Kirche fertiggestellt wurde. Beeindruckend sind diese Chatschkare auf jeden Fall. Es sind zum Teil große (2-3m hohe) oder kleine Steine, die als zentrales Symbol ein Kreuz haben. Der Rest des Steins ist vollkommen mit verschlungenen Mustern bedeckt, die Muster bestehen aus Weintrauben, Ranken, Tieren oder auch abstrakten Knotenmustern. Die neueren Steine haben oft eine Art Krone über dem Kreuz.
Leider hat Samuel nicht viel zu den Steinen zu erzählen und ich muss mir das meiste selber erlesen und zusammensuchen. Bezaubert von den filigranen Mustern der Steine und etwas enttäuscht von mangelnden Wissen meines Guides geht es weiter nach Tsaghkashen.
Wir werden herzlich empfangen und reichlich bewirtet. Pflaumen, Weintrauben und Äpfel aus dem Garten, dazu Unmengen an Keksen und Süßigkeiten. Auch wenn das Haus nicht so ganz unseren Standards entspricht, ist es doch gemütlich. Nur eben ein bisschen anders. Zentraler Raum im Haus ist - wie sollte es auch anders sein - die Küche. Die Einrichtung hat ihren ganz speziellen Charme. Nicht mein Stil, aber ich soll ja auch nicht da wohnen.
Nach der Teepause, ziehen wir los. Ein kleiner Spaziergang zu einer Wasserquelle. Die Landschaft ist plötzlich grün geworden. Seichte, grasbewachsene Hügel, dahinter ein paar höhere Berge. Wir laufen, wieder mal querfeldein, durch die Gegend, vorbei an Sommerhäusern von Kuh- und Schafhirten und immer wieder bergauf und bergab. Es regnet, neeeeiinnn, bitte nicht. Ich mag doch nicht im Regen laufen. Hört zum Glück schnell wieder auf. Um zu gucken, wie es hinter mir aussieht, drehe ich mich kurz um. Jetzt weiß ich, warum es auch mal regnen muss. Sonst hätte ich wohl diesen Regenbogen nie gesehen. Ein richtig schöner Bogen. Sogar ein doppelter Regenbogen und bei genauem Hinsehen hat er noch einen kleinen Nebenregenbogen. Da hat sich das Nass-werden gelohnt. Weiter bergauf. Eher psychisch anstrengend als physisch. Und irgendwann sind wir an der Quelle. Nun ja, da ist ein kleines Loch im Boden und da kommt Wasser raus. Ist ja ganz hübsch und wenn ich hier eh vorbeigekommen wäre, hätte ich auch sicher angehalten. Aber extra hierher zu gehen? Bestimmt kein 2. mal. Ohne lange zu zögern oder dem Augenblick hinterher zu hängen, drehen wir um und gehen zurück. Auf halber Strecke, also nach ca 1,5 Stunden, kommen wir wieder zu den Sommerhäusern. Vor einem der Verschläge spielen ein paar Kinder. Die Eltern kommen heraus und laden uns auf einen Kaffee und Vodka ein. Nicht gerade die Modernste und winddichteste Unterkunft. Aber wahrscheinlich genug für den armenischen Sommer. Oder? Ich weiß nicht. Festgetrampelter Lehmboden, ein paar Steine übereinander, ein bisschen Wellblech. Das ist das Haus. Sofort werden Lavash, Butter und Kekse auf den Tisch gestellt. Dazu Kaffee, Tee und Vodka. Und ich werde aufgefordert zu essen und zu trinken. Das Lavash ist nicht aus dem Supermarkt, das ist selbst gebacken. Genau wie die Butter. Die ist auch nicht gekauft, sondern stammt von den Kühen hier. Sehr, sehr lecker.
Die Hirten leben in den Sommermonaten hier draußen und passen auf, dass keiner ihre Kühe klaut. Leider kommt das immer wieder vor, dass Kühe oder Schafe verschwinden, deswegen muss immer jemand in der Nähe sein. Von Herbst bis ins Frühjahr, leben die Menschen in Dörfern in der Nähe und haben ihre Tiere dort im Stall. Ein ganz anderes Leben als meins. Ich möchte nicht tauschen.

Der nächste Morgen beginnt früh. Ich wollte ja gerne den Sonnenaufgang von unterwegs erleben. Leider kommen wir nicht rechtzeitig los, so dass es schon dämmert, als wir das Haus verlassen. Still schläft das Dorf als wir zwischen den Häusern entlang gehen. Bald geht es bergauf. Ein guter Treckerpfad, kein Matsch, keine Wurzeln, keine Stufen. Angenehm zu gehen. Die Sonne kriecht schnell über den Horizont und lässt den Himmel blau und die Wiese grün leuchten. Schön, so darf es bleiben. Auch hier werden wir von den Hirten sofort eingeladen. Es ist früh am morgen und ich möchte auf gar keinen Fall Vodka. Hilft nicht, ich bekomme welchen eingeschenkt. Seit gestern weiß ich ja, dass es funktioniert nur am Vodka zu nippen und so zu tun, als würde man trinken. Und wieder Lavash, Butter und Kekse. Verhungern werde ich hier wohl nicht. Der Oberhirte will mir noch seine Hunde zeigen. Behutsam zieht er 3 kleine Welpen aus einer Hundehütte. Die Hundemutter ist etwas skeptisch, lässt sich aber durch ein paar Streicheleinheiten schnell beruhigen. Die Hundebabys sind 11 Tage alt. Noch haben sie nicht mal die Augen auf. Tapsig und unbeholfen kriechen sie übereinander, bevor sie zurück in ihr Zuhause gesetzt werden. Ich glaube, die haben es gut hier.

Der Weg führt uns weiter nach oben. Nach 6 Stunden mag ich eigentlich nicht mehr. Jetzt ist es nur noch ein kleines Stück auf dem Bergrücken, bis zum Gipfel. Der Sand ist weich und gibt nach. Ganz plötzlich hat sich die grüne Graslandschaft in eine rot-schwarze Lavawüste verwandelt. Jedes mal wieder bin ich fasziniert von dem, was das Innere der Erde hervorbringt. Vulkane sind etwas unglaublich spannendes. Auf dem Gipfel angekommen, wird mit Tee und Keksen gefeiert. 360° Panoramaaussicht, hier und da ein kleiner See, die unterschiedlichsten Farben der umliegenden Berge und da, mitten im Nichts, auf dem Gipfel des Azhdahak-Berges, 3597m hoch, haben die Menschen eine Kapelle geschaffen. Ein Kreuz, ein paar Kerzen und einige Ikonen stehen windgeschützt in einem Verschlag. Irgendwie eine schöne Idee, hier oben so eine Art "Ort der Einkehr" zu haben. Nach der verdienten Pause geht es den bergab. Ein bisschen Regen, Schnee und Hagel sagen kurz Hallo und dann schnell wieder Tschüss. Abendessen - heute Suppe und Bratkartoffeln, dazu Lavash, Käse, Tomaten, Paprika, Gurke und Sucuk und dann schlummere ich auch schon. 13 Stunden draußen sein, 1500 Höhenmeter und alle nur erdenklichen Wetterlagen, machen müde.

Der Weg führt weiter nach Süden. An strategisch wichtigen Orten, sitzen immer Leute, die Obst, Honig, Nüsse und weitere Kleinigkeiten verkaufen. Gegen Mittag, sagt Samuel, sind wir an einem alten Hotel. Seidenstraßen solche "Karawansereien" oder eben auf neudeutsch, Hotel. Ein langer Raum mit Nischen für Mensch und Tier. Die letzten paar Tausend Jahre, ist es nur noch als Hotel und Fledermaus-schlafzimmer genutzt worden. Zumindest ist diese Unterkunft sehr idyllisch gelegen mit Blick über das Tal und im Hintergrund höhere Berge. Nach einem Picknick, steigen wir ins Auto, weil das nächste Ziel ein paar Stunden entfernt ist. Nach einer entspannten Fahrt sind wir an einem großen und sehr modernen Parkplatz. Neben armenischen, sind viele iranische Autos hier geparkt. Die Grenze zum Iran ist nicht weit und für Iraner ist Armenien ein beliebtes Urlaubsziel. Als wir an dem Hotel sind, bin ich etwas überrascht. Das sogenannte Hotel ist wirklich sehr alt. Es hat den Händlern, die die Seidenstraße gewandert sind. Laut der Infotafel gab es entlang der ganzen
Gleich hinter dem Parkplatz ist die längste Seilbahn der Welt. Über 5km geht die Fahrt über eine Schlucht zum sagenumwobenen Kloster von Tatev. Die Fahrt ist durchaus touristisch mit musikalischer Untermalung und Erklärungen zu dem was unter uns zu sehen ist. Und das gleich in verschiedenen Sprachen. Ein bisschen wie die Touristenfähre nach Geiranger. Am Kloster angekommen, bin ich enttäuscht von Samuels Nicht-Wissen. Ich suche mir meine Information so gut es geht, selber zusammen. Die alte Ölpresse ist nach fast schon skandinavischen Standards erklärt. Schlicht und erklärend ausgestellt, nicht überfrachtet und trotzdem so lebendig, dass ich mir vorstellen kann, wie das Leben hier vor 4000 Jahren war.

Das Kloster ist wieder ein riesiger Komplex, der wohl nicht nur Kloster, sondern auch Verteidigungsanlage und "Burg" war. Ein großer Innenhof, mindestens 2 Kirchen und die üblichen Klostergebäude. Das unglaubliche an dieser Anlage sind die Tunnel und versteckten Gänge. Die Tunnel verbinden das Kloster mit den umliegenden Dörfern. Das Tunnelsystem ist noch nicht in seiner Gänze erforscht und vermutlich liegen noch mehrere Kilometer Tunnel ohne unser Wissen irgendwo versteckt. Die Verbindungsgänge direkt im Kloster sind gut zugänglich. Ich erkunde die mal mehr und mal weniger engen Gänge und plötzlich stehe ich vor einem Loch in der Wand. Direkt vor mir, ist ein Abhang und die Boden ist mehrere hundert Meter weiter unten. Hui... In den oberen Etage sind an allen Fenstern Pechnasen oder ähnliche Feind-Abschreckungen angebracht.
Sehr spannend ist auch die Gavazan Säule. Das 8m hohe Steingebilde ist nach dem Hirtenstab der Schäfer benannt. Die Säule besteht aus mehreren Lagen aus Stein und reagiert auf jede noch so kleine Bewegung des Untergrunds. Die aufeinander gelegten Steinscheiben verschieben sich gegeneinander, machen Geräusche und weichen von ihrem ursprünglichen Muster ab. Auf diese Weise ließen sich Erdbeben und Invasionen vorhersagen. Eine gelungene Kombination aus Seismograph und Alarmanlage. Sobald die Erschütterungen vorbei sind, sollen die Steine wieder ihre Ausgangslage annehmen.